Lüneburg. Die Lüneburger lieben ihre Stadt, sie machen sich Gedanken über deren Zukunft und sie sind bereit zum Engagement. Das zeigte sich am Montagabend in der Handwerkskammer, wo die SPD zur Podiumsdiskussion über die Entwicklung des „Kaufhauses Lüneburg“ geladen hatte. Der Große Saal war rappelvoll. Am Anfang stand die bange Frage: Machen immer mehr Filialisten (zurzeit 30% aller Innenstadt-Geschäfte) das Einkaufsflair in Lüneburg kaputt? Die Nachricht, dass das alteingesessene Porzellangeschäft Mummert in der Bäckerstraße bald schließt, hatte zuletzt besorgte Diskussionen ausgelöst. Doch schon die erste Debattenrednerin, Kauffrau Ines Kruse, gab konstruktiv die Richtung vor: „Wir Einzelhändler sollten nicht gegen die Filialisten agieren, sondern zusammen mit ihnen. Wir müssen einen Plan erstellen und das Motto ,Kaufhaus Lüneburg unter freiem Himmel‘ nach außen betonen!“
Gemeinsamer Angriff statt Angst. Die Inhaberin eines Modecafés (Am Berge) fand gleich Zustimmung. Auch Heiko Meyer, Chef des Lüneburger City-Managements und selbst Unternehmer, sah es positiv: „Wir brauchen hochwertige Filialisten. Sie heben das Niveau.“ Martin Aude, Vorsitzender des Vereins Lüneburger Kaufleute, sieht in der Sorge wegen der vielen Filialisten gar ein „Luxus-Problem“. Er hat bei Besuchen in Nachbarstädten erfahren: „Wir Lüneburger werden anderswo beneidet. Wir haben ein tolles Renommee. Unsere Einkaufsstraßen sind gefüllt.“ Das sieht auch der Lüneburger Marketingchef Jürgen Wolf so: „Es ist leicht, Lüneburg zu bewerben.“ Was Wolf freut, ist die hohe Sensibilität der Bewohner: „Viele passen genau auf: Wer geht da jetzt rein – zum Beispiel bei Mummert.“ Große Probleme könne die Hansestadt allenfalls bekommen, so Wolf, „wenn ein Großer wie Karstadt rausgehen würde“.
Wie kann die Stadt die Entwicklung steuern? Diese Frage stellte Moderator Christoph Steiner an Oberbürgermeister Ulrich Mädge. „Bei den Immobilien können wir nichts steuern. Dazu müssten wir 500 Millionen Euro haben und viele Immobilien aufkaufen“, so Mädge, „was wir machen können: am Stadtrand wenig zulassen und an die Hausbesitzer appellieren, nicht mit den Mieten zu überziehen.“ Nur bei einem Objekt kann die Stadt konkret mitentscheiden: „Das Sparkassen-Gebäude am Markt gehört zur Hälfte uns. Das haben wir in der Hand. Da wird kein großes Einkaufszentrum entstehen“, versichert der Oberbürgermeister. Dafür wird es wohl bald ein Factory-Outlet-Center (FOC) nahe Soltau geben. Ist das eine Gefahr für den Lüneburger Einzelhandel? „Wir dürfen nicht nur reagieren!“, mahnte Kauffrau Ines Kruse, „wir müssen schauen: Was macht uns stark? Wenn wir gemeinsam vorgehen, habe ich vor gar nichts Angst.“ Gibt es überhaupt noch eine Chance, das FOC zu verhindern? OB Mädge ist da der Experte: „Wir kämpfen seit zehn Jahren gegen das FOC, haben es immerhin bis jetzt verzögern können. Aber nun fürchte ich, dass es nicht mehr lange dauern wird. Die Gesetze wurden von der Landesregierung geändert, da gibt es keine Angriffspunkte mehr.“ Mädge hält das FOC aber weiter „für ökologischen Schwachsinn. Die Leute fahren 70 bis 80 Kilometer mit dem Auto dorthin. Sie sollen besser in der Innenstadt einkaufen. Ich brauche jedenfalls kein FOC“. Die Stadt werde ein neues Verfahren gegen die unliebsame Konkurrenz prüfen. Aber: „Die Chancen stehen 20:80“, so Mädge. Trotzdem bat der Lüneburger Kaufmann Konrad Gelinsky den Oberbürgermeister: „Kämpfen Sie weiter gegen das FOC! Denn ich weiß, dass in Outlet-Centern richtig eingekauft wird. Und jeder Euro, der dort bleibt, wird nicht in Lüneburg ausgegeben.
Das bekommt hier jede Branche zu spüren.“ Auch Martin Aude sorgt sich um die neue Konkurrenz, sagt aber: „Lüneburg muss sich selbstbewusst gegenüber dem FOC vermarkten, das Erlebnis Einkauf in den Vordergrund stellen. Den Kunden, der ausschließlich auf den Preis schaut, können wir sowieso nur schwer erreichen, der kauft auch sonst eher im Internet ein.“ Vor einem Einkaufszentrum mitten in der Stadt Lüneburg warnte Heiko Meyer: „In Harburg hat das Unternehmen ECE mit seinem Phoenix-Center gezeigt, wie man eine Innenstadt kaputtmachen kann. Es gibt jede Menge Leerstände, weil etliche Filialisten Verträge mit ECE haben und ins Center umziehen müssen. Auch Hameln hat das erlebt. So etwas darf uns nicht passieren!“ Auch Marketingleiter Wolf befand: „ECE muss hier nicht hin!“ Kaufmann Gelinsky konnte etwas beruhigen: „ECE sucht Objekte mit 25.000 bis 30.000 Quadratmetern. Die haben wir in der Innenstadt nicht.“ Wie soll Lüneburg sich profilieren, wo liegt das Konzept der Zukunft? „Wir müssen mehr Service als die Filialisten bieten“, sagte Einzelhändlerin Ines Kruse, „die persönliche Ansprache findet Anklang – auch bei den Touristen. Die mögen das Lüneburg-Flair.“ Jürgen Wolf versprach, das Motto „Kaufhaus Lüneburg unter freiem Himmel“ mehr zu bewerben: „Lüneburg bietet ein Einkaufserlebnis zum Wohlfühlen. Das fängt mit dem Frühstück an, danach kommen Einkauf, Mittagessen und zum Abschluss Kultur.“ Dabei könne man nicht verhindern, so Kaufleute-Chef Martin Aude, dass manche Hausbesitzer „lieber vermieten als arbeiten. Das kann man nicht regulieren. Ich wünsche mir nur, dass die zweite und dritte Generation, wenn sie schon die Firma nicht fortführt, wenigstens die Immobilien behält“. Buchhändler Hans-Henning Orthey warnte: „Die Geschäftsinhaber geben auf, weil sie durch Vermietung mehr Geld verdienen als durch eigene Arbeit. Aber das ist volkswirtschaftlich schädlich!“ Oberbürgermeister Mädge bot Hilfe an: „Ich habe Hochachtung vor jedem, der ein Unternehmen weiter betreibt. Wir brauchen einen Sortiment-Mix, nicht noch mehr Drogeriemärkte. Wer Probleme mit der Nachfolgeregelung hat, kann zu mir kommen. Wir versuchen, jeden zu halten.“ Aude kam auf die Filialisten zurück, warnte vor einer Polarisierung: „Hier gute Kaufleute, dort böse Filialisten – das geht nicht. Denn viele Kunden kaufen gerne bei Filialisten ein. Schlecht sind nur die Filialisten, die ausschließlich darauf aus sind, kleinere Konkurrenten zu vernichten.“ Das unterstützte Immobilienmakler Jörg Carminke: „Filialisten sind positiv! Sie beleben den Einzelhandel in den Randlagen. Denn jeder Kunde, der zum Filialisten in der 1a-Lage geht, muss zweimal am Einzelhändler in der Randlage vorbei, beim Rein- und beim Rausgehen.
Da liegt es am Einzelhändler, ob der Kunde nur vorbeigeht oder reinkommt.“ Carminke appellierte an die Kaufleute, endlich einheitliche Öffnungszeiten zu schaffen und den Kunden Park-Gutscheine zu geben. Makler-Kollege Jürgen Sallier riet: „Setzen Sie Akzente in den Nebenlagen, bringen sie dort Magneten rein!“ Einen Wunsch hatte Karstadt-Leiter Horst Bergmann: „Die Kunden müssen Lüneburg bis 20 Uhr besser mit Bussen erreichen und verlassen können.“ Karstadt sei zwar auch ein Filialist, so Bergmann, aber mit hoher Akzeptanz: „Das haben die 40.000 Kunden-Unterschriften gezeigt, die wir nach der Insolvenz bekommen haben. Man muss nur etwas für die Stadt tun, dann wird man auch akzeptiert.“ LCM-Vorsitzender Heiko Meyer versprach, dass man sich weiter um einheitliche Öffnungszeiten bemühen werde: „Da machen die Filialisten besser mit als die Einzelhändler, die samstags zum Teil schon um 15 Uhr dichtmachen. Das wundert uns schon.“ Aber Meyer hat auch beobachtet: „Das Wir-Gefühl unter Lüneburgs Kaufleuten ist so stark wie nie zuvor. Es gibt viele Arbeitskreise, viele Kaufleute sind aktiv dabei, halten zusammen.“ Das spürte man auch bei der Podiumsveranstaltung am Montag. „Das war eine ausgezeichnete, lebhafte Diskussion“, befand am Ende nicht nur FC-Hansa-Präsident Dietrich Conrad. Dass der Abend so gut gelang, war dem hochkarätig besetzten Podium zu verdanken und den vielen klugen Beiträgen aus dem Publikum, nicht zuletzt dem Moderator, LZ-Chefredakteur Christoph Steiner, der mit Kenntnis, Witz und Charme durch den Abend führte. Fazit: Einer Stadt wie Lüneburg, unter deren Dächern so viele engagierte Bürger leben, sollte nicht bange um die Zukunft sein.









