Lüneburg/Radbruch. Im 19. Jahrhundert pilgerten die Menschen von weit her, um sich in Radbruch vom berühmten „Schäfer Ast“ heilen zu lassen. Heute sagt Bürgermeister Achim Gründel: „Wir hätten sehr gerne einen Arzt hier. Besonders für die älteren Mitbürger sind die langen Wege ein Problem.“ So wie Radbruch geht es vielen Gemeinden im Landkreis Lüneburg. Die Nachrichten sind besorgniserregend, von Ärztemangel ist die Rede, besonders auf dem Land, die Jungmediziner zieht‘s mehr in die Stadt. Wie sieht das im Landkreis Lüneburg aus?
„Der Landkreis Lüneburg steht relativ gut da, viel schlechter sieht es aus in den Landkreisen Lüchow-Dannenberg und Harburg“, erklärt Oliver Christoffers, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) in Lüneburg. „Wir haben zwar auch das Problem, dass viele Ärzte um die 60 sind und bald Nachfolger benötigen, aber wir sind in den übrigen Altersklassen gut aufgestellt.“
Er nennt aktuelle Zahlen: „Es gibt derzeit 112 niedergelassene Hausärzte im Landkreis – ohne Amt Neuhaus, das gehört zur KV Mecklenburg-Vorpommern. Für 14 weitere könnten wir noch eine Zulassung erteilen. Die dürften sich auch in Lüneburg niederlassen, es gibt keine Zuordnung zu einem Gebiet im Landkreis.“ Genau darin sieht Dr. Heinz Jarmatz, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Niedersachsen in Lüneburg, ein Problem: „Wir fordern kleinräumige Zulassungsgebiete, damit gezielt in den unterversorgten Gebieten Ärzte angesiedelt werden.“ Er sieht das Hauptproblem jedoch darin, dass zu wenig Hausärzte ausgebildet werden: „Wir benötigen in Niedersachsen jedes Jahr rund 250 neue Allgemeinärzte, um die aus Altersgründen ausscheidenden zu ersetzen. Es werden aber pro Jahr unter 100 ausgebildet.“ Grund laut Jarmatz: „Um nach dem Studium den Facharzt für Allgemeinmedizin zu machen, muss man die fünf benötigten praktischen Jahre zwischen drei verschiedenen Fachgebieten aufteilen, ein Drittel davon in einer Hausarztpraxis. Da bleiben für die übrigen Bereiche nur noch ca. anderthalb Jahre.“ Das sei für die Krankenhäuser unattraktiv: „Die nehmen lieber einen Facharzt für ihr Gebiet, der bleibt fünf Jahre“. Fazit: Die angehenden Fachärzte bekommen keine Stellung. „Wir haben das selbst ausgetestet, mit gefälschten Bewerbungen“, betont der in Barendorf niedergelassene Arzt.
Und: „Ich kenne mehrere Kollegen, die keinen Nachfolger finden.“ Einer davon ist der 66-jährige Neetzer Arzt Dr. Klaus Markwardt. „Ich suche seit gut zwei Jahren“, erzählt er, „es kommen immer mal wieder Interessenten, aber die wollen keine Ablöse für die gut ausgestattete Praxis mehr zahlen.“ Diese Ablöse ist von jeher die Altersvorsorge für Ärzte, dadurch lohnt es sich auch, die Praxis stets auf einem guten Stand zu halten. „Aber selbst die Banken geben den jungen Ärzten oft keine Kredite mehr, weil sich die Verdienstmöglichkeiten so sehr verschlechtert haben“, meint Markwardt. Zu tun gebe es in den Praxen genug: „Aber wenn wir eine bestimmte Anzahl von Fällen hatten, bekommen wir für den Rest kein Geld mehr – da fragt man sich, wofür man arbeitet“, ärgert sich der Arzt. Außerdem sei das Arbeitsumfeld zu unattraktiv: „Wir müssen von 7 bis 19 Uhr zur Verfügung stehen, sind Mädchen für alles“, klagt er, „da gehen die jungen Ärzte doch lieber in die Stadt, dort können sie abends die Tür hinter sich zuschließen.“
Wie sieht es nun mit der Gemeinde Radbruch aus, die keinen Nachfolger sucht, sondern gerne überhaupt mal einen Arzt hätte? Christoffers: „Die Gemeinde ist mit 1850 Einwohnern einfach zu klein und damit nicht attraktiv. Ein Arzt benötigt ca. 1000 Patienten pro Quartal, das heißt, jeder Radbrucher müsste mindestens zweimal im Jahr zum Hausarzt gehen …“










