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Home Aktuelles Viel zu schade zum Wegwerfen!
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Viel zu schade zum Wegwerfen!

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tafel1Lüneburg. Weil er Kekse aus dem Müll einer Bäckerei im Hafen gefischt hatte, steht der Lüneburger Karsten Hilsen derzeit im Berufungsverfahren vor den Richtern am Lüneburger  Landgericht. Die Story um die Kekse aus dem Müll hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, sogar die renommierte Nachrichtenagentur dpa und die Bild-Zeitung berichten über den Fall. Das Besondere: Hilsen ist ein sogenannter Mülltaucher. Er sammelt und ernährt sich von Lebensmitteln aus dem Müll. Nicht, weil er am Hungertuch nagt, sondern aus politischer Überzeugung. Mit dem „containern“ oder „dumpstern“, wie Hilsen und seine Mitstreiter es nennen, prangern sie den Überfluss der Wegwerfgesellschaft an. Obst und Gemüse mit kleinen Druckstellen, am Abend noch nicht verkaufte Brote oder Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum lassen sich nur noch schlecht verkaufen. Sie landen entweder bei den Mitarbeitern der Tafeln – oder schlicht in der Tonne und werden dort zur begehrten Beute. Erfahrungen mit Mülltauchern hat auch der Leiter eines Lüneburger Supermarktes gemacht: „Die sind nachts über den zwei Meter hohen Zaun geklettert und morgens waren die Mülltonnen halbleer. Seitdem wird der Abfall bei uns verschlossen“, berichtet der Marktleiter, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Zwei 240-Liter-Tonnen nur für abgelaufene Lebensmittel stehen auf dem Hof seiner Filiale, ein spezieller Abfuhrbetrieb leert diese mehrmals in der Woche.

„Da kommt aber nur rein, was wirklich nicht mehr in Ordnung ist“, sagt der Marktleiter. Auf etwa drei Prozent bei Molkereiprodukten sowie Obst und Gemüse beziffert er die Verlustquote, ein Großteil davon geht an die Tafeln. Und die bekommen richtig gute Ware: So gibt es bei einer Supermarktkette die Vorgabe, trockene Ware wie Schokolade, Kekse, Gewürze oder andere länger haltbare Lebensmittel sechs Wochen vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Regalen zu nehmen, Frischeprodukte werden drei Tage vor Ablauf aus dem Angebot genommen. „Damit will man dem Kunden die Sicherheit geben, dass er blind ins Regal greifen kann und immer frische Ware bekommt“, erklärt der Marktleiter.„Weggeworfen wird bei uns nichts“, erklärt Reinhard Kruse, Inhaber des „Lecker Bäcker Kruse“.

In seinen 18 Filialen sind täglich Brote, Kuchen und belegte Brötchen übrig, „im Schnitt acht Prozent der gesamten Ware“, schätzt Kruse, der betont, dass es anders nicht möglich ist: „Ich weiß vorher nicht, wie viele Kunden kommen, das hängt von vielen Faktoren, zum Beispiel vom Wetter ab.“  Die übriggebliebenen Backwaren gehen an die Tafeln in Lüneburg, Uelzen und Soltau. „Was sie nicht haben wollen, geben wir in eine Biogasanlage, damit wird Strom erzeugt“, erzählt der Bäckermeister. Früher haben sie alles an Schweine verfüttert, „da hatte jeder Bäcker seinen eigenen Schweinestall“, erinnert sich Kruse, „aber das ist bei den heutigen Mengen gar nicht mehr möglich.“ Die Backwaren auch am zweiten Tag noch zu verkaufen, kann Kruse sich nicht vorstellen. „Oder wollen Sie ein aufgebackenes Brötchen bei uns kaufen?“, fragt er. „Alles das, was man selber noch verbrauchen würde, sammeln wir ein“, erzählt Marina Kroll, Vorsitzende des Vereins „Lüneburger Tafel“. Rund 60 Mitglieder und Helfer  klappern die hiesigen Supermärkte und Bäckereien ab, laden die Lebensmittel ein, die nicht mehr verkauft werden können, und verteilen sie dann in ihrer Ausgabestelle (Im Tiefen Tal 64) an wöchentlich ca. 400 bedürftige Familien. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum zum Beispiel für Joghurt oder Milch darf dabei auch mal um zwei oder drei Tage überschritten sein“, sagt Kroll, schließlich heiße es ja „Mindest-“ und nicht nur „Haltbarkeitsdatum“. Und wenn sie sich mal nicht sicher seien, gelte das Motto „öffnen, riechen, probieren“. Bei Obst und Gemüse könne man den Zustand ja sehen. „Ein paar welke Blätter außen am Salat kann man einfach abmachen.

Und wenn der Salat oder die Tomaten schon anfangen zu siffen, geben uns die Händler diese Ware erst gar nicht.“ In Lüneburg würden alle Lebensmittelmärkte – bis auf Aldi – mitmachen, so die Tafel-Helfer. „Wir haben eben einen guten Ruf“, freut sich Vorstand Jürgen Luxemburger, „selbst Geschäfte, die nur im Nebensortiment Sachen wie Süßigkeiten haben, rufen öfter mal an, wenn sie zum Beispiel Ware haben, bei der die Verpackung beschädigt ist.“ Das bedeutet: Der Lüneburger Lebensmittelhandel verhält sich in Bezug auf die Resteverwertung vorbildlich. Luxemburger: „Wir brauchen daher auch nicht unbedingt weitere Lebensmittel-Spenden, da sind wir gut sortiert, sondern eher Finanzspritzen – denn unsere Lieferwagen fahren schließlich nicht mit abgelaufener Milch …“ Der „Keks-Prozess“ um den Lüneburger Mülltaucher Hilsen wird am Dienstag, 17. Januar, fortgesetzt. Seit dem ersten Verhandlungstermin kann der 52-jährige ehemalige Kraftfahrer übrigens nicht mehr „auf Beutezug“ gehen. Bis das Verfahren fortgesetzt wird, sitzt Hilsen in Haft, weil er das Bußgeld einer anderen Ordnungswidrigkeit nicht bezahlt hat. Er wurde am Montag nach der Verhandlung von Polizeibeamten abgeführt und soll erst am 16. Januar die Lüneburger JVA wieder verlassen.

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