Landkreis. Als wir Silvester bei frühlingshaften 12 Grad plus feierten, als im Januar schon Pollen durch die Luft flogen, da frohlockte mancher: „Da kommt nichts mehr, der Winter ist vorbei.“ Doch weit gefehlt! Jetzt ist die Kälte da. Minus 14 Grad am Donnerstagmorgen – und der Eiswinter geht weiter, mindestens noch bis nächste Woche.Schon stöhnen viele über „Russenkälte“ und „Eisschock“. Doch ist es wirklich ungewöhnlich kalt? Überhaupt nicht. Dezember und Januar waren nur außergewöhnlich warm, da fällt einigen die Umstellung schwer. Wirklich kalt war es 1963, als das Thermometer in Deutschland auf minus 32 Grad fiel, und 1929, als mit minus 38 Grad in Bayern der deutsche Kälterekord seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gemessen wurde.Trotzdem ist jetzt Bibbern angesagt. Besonders leiden Menschen, die an der frischen Luft arbeiten müssen. Die meisten nehmen es aber erstaunlich gelassen.
„Ich bin am Tag neun bis zehn Stunden draußen“, sagt die Bardowicker Marktbeschickerin Elke Wilkens, „wir schützen unsere Ware mit einem Gasbrenner, weil sonst besonders wasserhaltiges Gemüse wie Tomaten sofort kaputtfrieren würde. So haben wir rund neun Grad plus in unserem Stand und sind durch die Plane vor dem Wind geschützt – das kann man schon aushalten.“Kollege Heinrich Steinhauer aus Thomasburg, wie Wilkens stets auf dem Lüneburger Wochenmarkt, sieht es ebenfalls locker: „Ich ziehe mehrere Lagen übereinander an, außerdem habe ich immer warme Hände.“ Und ist das Geschäft schlechter bei der Kälte? „Nein“, sagen Wilkens und Steinhauer, „wir können nicht klagen, unsere Kunden kommen trotzdem.“
Viel draußen sind auch Valerian Winter und Jakob Meier von der Lüneburger Stadtreinigung: „So acht Stunden am Tag sind es schon“, sagen die beiden, „aber das macht uns überhaupt nichts aus. Ein bisschen frisch ist es, man muss sich eben viel bewegen.“ Und das tun die Männer, wenn sie die Straßen reinigen und Abfallbehälter leeren. In Bewegung bleiben, das ist auch das Motto von Mirko Grobler, Lars Gebauer, Andy Göttlicher und Stefan Schulze von der Stendaler Zimmerei Schulze. Die vier sind gerade mit dem Umbau der Lüneburger Tourist-Info am Markt beschäftigt. „Neun Stunden am Tag arbeiten wir draußen“, berichtet Chef Schulze, „da zieht man vier Lagen unter der Jacke an, außerdem Stricksocken, dann geht das schon.“ Und zwischendurch trinkt das Quartett immer mal was Warmes.Etwas Warmes essen könnte Tobias Kluckun. Er steht in der Pommes- und Bratwurstbude am Lüneburger Markt. Wärmt ihn wenigstens die Friteuse? „Nein, das bringt nicht viel“, sagt er, „ich darf ja nicht mal Handschuhe anziehen – aus hygienischen Gründen.“ Und wie laufen die Geschäfte? „Naja, bei dieser Kälte schon schleppender.“Wer vom Frost profitiert, das sind die Taxifahrer. Da lässt sich mancher doch lieber chauffieren, als durch die Kälte zu stapfen. Trotzdem hat Taxifahrer Jürgen Osterhoff manchmal Wartezeiten von zwei Stunden am Lüneburger Markt.
Wie überbrückt er die? „Ich lasse die Heizung laufen, schließlich will es auch der Fahrgast warm haben, wenn er zusteigt. Die Jacke habe ich trotzdem immer an.“ Am schlimmsten sind derzeit die dran, die draußen leben. So wie der Obdachlose Michael, der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte und auch kein Foto will. Wo kommt er jetzt unter? „Ich bin tagsüber 13 bis 14 Stunden draußen.“ In der Bäckerstraße bittet er um Spenden. Und nachts, wo schläft er? „In die Herberge will ich nicht. Da war ich, habe aber schlechte Erfahrungen gemacht.“ Welche, das will er nicht sagen. So übernachtet Michael draußen. „Ich habe drei, vier Orte, wo es trocken ist und nicht so kalt.“ Dahin zieht er sich mit seinem Schlafsack zurück. Ist es nachts nicht furchtbar kalt? „Ich ziehe mir ganz viel an. Und irgendwann entwickelt man einen Mechanismus, da kann man die Kälte ausblenden.“Dankbar ist Michael in diesen Tagen etlichen Lüneburgern: „Die sind sehr hilfsbereit und spendieren mir warme Getränke.“









