Am 3. Oktober 2020 jährt sich die deutsche Wieder­vereinigung zum 30. Mal. Während die Festivitäten wegen der Coronakrise eher klein ausfallen, gab es am 3. Oktober 1990 fast überall Festakte und Feierlichkeiten.

Wie haben Menschen aus der Region die Wiedervereinigung damals erlebt?

Das herauszufinden, war gar nicht so leicht. Denn während fast jeder heute noch genau weiß, wo er war, als in Berlin die Mauer fiel, fällt die Erinnerung an den offiziellen Vereinigungsakt deutlich schwerer.

Ans Wiedervereinigungsfest am 3. Oktober 1990 auf dem Lüneburger Marktplatz kann sich Benno Fabricius, der Vorsitzende der Schausteller, noch genau erinnern:

„Der Oberbürgermeister sprach uns damals an und sagte: ‚Wir müssen was machen.‘ Also haben wir kurzfristig etwas aus dem Boden gestampft.“ Die Party sollte eigentlich erst am Abend nach dem offiziellen Festakt im Rathaus starten. Doch: „Schon um 16.30 Uhr war der Platz schwarz vor Menschen“, erinnert sich der Schausteller, „also haben wir spontan entschieden, früher aufzumachen.“ Die Stimmung in der Masse war bestens, beim Auftritt von Wander-Ei ging damals ordentlich die Post ab. Resultat: „Schon nach drei Stunden war das Bier leer und Lieferant Wedde musste den Kühlwagen noch einmal vollmachen.“
Abenteuerlich sei damals auch die Organisation des Fest-Feuerwerks in der Nacht der Wiedervereinigung gewesen: „Wir haben vergeblich nach einem Feuerwerker gesucht. Doch die waren für den Abend natürlich alle ausgebucht.“ Kurzerhand wurde der damalige Marktmeister Otto Ernst Schulz von einem Pyrotechniker angelernt, um in der Dunkelheit ein Feuerwerk abzufeuern. „Das hatte natürlich eine geringere Gefahrenklasse“, schiebt Fabricius hinterher. Doch das fiel niemandem auf.

Der heutige Lüneburger Landrat Jens Böther war bei der Wiedervereinigung 24 Jahre alt und mit seiner heutigen Frau gerade frisch liiert:

„Am 3. Oktober war ich mit meiner Frau im Urlaub an der Nordsee. Ich erinnere mich noch gut, wie wir auf einem winzig kleinen Fernseher in der Ferienwohnung die Feierlichkeiten am Reichstag live mitverfolgt haben. Dort waren die ganz Großen aus der Politik versammelt: Willy Brandt, Helmut Kohl mit seiner Frau, Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker … Das waren bewegende Momente“, erinnert sich Böther.
Der 30. Einheitstag am morgigen Samstag ist sein erster als Landrat: „Mein Tag der Deutschen Einheit steht für mich zum runden Jubiläum ganz im Zeichen der Elbbrücke – auch ein Beitrag zur Einheit: Ich besuche die Alternativfeier zum Brückenfest in Neuhaus“, erzählt Böther. Wegen Corona habe die Gemeinde eine Andacht und eine Ausstellung mit spannenden Bildern zur Entwicklung des Amtes Neuhaus auf die Beine gestellt: „Mit Bürgermeister Gehrke greife ich zum Spaten und pflanze für die bundesweite Aktion #einheitsbuddeln einen Baum. Darauf freue ich mich schon.“

Neuhaus-Bürgermeister Andreas Gehrke wuchs in der DDR auf und war bei der Wiedervereinigung zehn Jahre alt:

„Daher kann ich mich besser an mein erstes Tütchen Ahoi-Brause und die Produktvielfalt in den Geschäften in Lauenburg erinnern“, lacht er. „Ich weiß aber noch: So richtig konnte konnte und wollte ich es eigentlich gar nicht glauben.“ Schließlich hatte er noch kurz zuvor eine Oma im Sperrbezirk gehabt. „Aber dann war es mit der Wiedervereinigung plötzlich Wirklichkeit. Man denkt, es wäre erst gestern gewesen, aber jetzt ist das schon 30 Jahre her!“, sagt Gehrke.

Am anderen Elb­ufer feierte Kirsten Klann, die heutige Ortsvorsteherin von Alt Garge: „Zur Zeit der Wiedervereinigung habe ich in Alt Garge als Erzieherin gearbeitet. Mir war ein Praktikant zugeteilt worden, der 1989 gerade noch über Ungarn geflüchtet ist. Ich weiß noch, der 3. Oktober 1990 war ein Mittwoch und wir beide hatten ganz normal Dienst im Kinderdorf. Wir haben mit den acht Kindern die Feier abends mit Schnittchen am Fernseher verfolgt. Und der Praktikant erzählte nochmal die Geschichte seiner Flucht. Er ist nach wie vor mein bester Freund.“

Meike Richter war am 3. Oktober 1990 ganz dicht dran am Geschehen in der neuen deutschen Hauptstadt, stand bei der Feier vor dem Reichstag: „Wir waren auf Klassenfahrt in Berlin“, erinnert sich die Redakteurin der LÜNEPOST. „Es waren Menschenmassen unterwegs! Unsere Klasse wollte nach der Feier mit der S-Bahn zurück ins Hotel. Eine Klassenkameradin und ich standen als letzte in der Reihe an der Station und wir kamen nicht mehr ins Abteil, weil es so voll war“, erzählt sie. „Wir haben mindestens zehn weitere Bahnen abgewartet und gingen dann zu einer anderen Station, in der Hoffnung, dass die Bahnen hier leerer waren.“ Die beiden kamen erst Stunden später im Hotel an: „Unser Klassenlehrer war sauer, aber sicher auch besorgt, weil zwei 15-Jährige alleine durch Berlin streiften bei diesem Ereignis – und das ohne Handy damals. Im Nachhinein bewundernswert, dass er den Mut zu der Klassenfahrt hatte – und ein tolles Erlebnis für uns!“