Westergellersen. „Ihr verliert kein Wort über den Fight Club.“ – Im gleichnamigen Kinohit von 1999 ist das die allererste und gleich auch noch die zweite Regel. Während sich Brad Pitt und Edward Norton im Meisterwerk von Regisseur David Fincher eisern dran hielten, eroberte ein Lüneburger Kampfclub im Eiltempo die Schlagzeilen. Nachdem am Samstag in Westergellersen ein Event in der Kampfsportart MMA (Mixed Martial Arts) von der Polizei gestoppt wurde, berichteten u. a. Spiegel, Süddeutsche und natürlich die Bildzeitung. 

Ein Vollkontakt-Wettkampf mitten in der Corona-Pandemie? Auf dem beschaulichen Dorf? Was war da los? Die Lünepost versucht, die wilden Gerüchte und Geschichten zu sortieren.
Zuerst war da nur eine Polizeimeldung: Nachdem Anwohner am Samstag ungewöhnlich viele Autos an einer Halle in Westergellersen gemeldet hatten, kontrollierte eine Streife die Lage vor Ort. In der Halle fanden sie einen aus Paletten, Autoreifen und Schutzmatten errichteten, professionellen Kampfring. „Um den Ring herum standen bis zu 40 Personen, zum Teil ohne Mundnasenbedeckung“, heißt es im Wortlaut von der Polizei. Weiter: „Nach Angaben des Veranstalters sei die Veranstaltung mit dem Landkreis Lüneburg abgestimmt worden. Da dieses im Zeitraum eines verschärften coronabedingten Lockdowns mehr als unwahrscheinlich war, wurde die Veranstaltung polizeilich beendet. Es wurden diverse Ordnungswidrigkeiten, insbesondere gegen den Veranstalter, eingeleitet.“

Was sagt der Landkreis als Genehmigungsbehörde? „Eine Kampfveranstaltung mit Publikum wurde vom Landkreis Lüneburg definitiv nicht genehmigt“, berichtet eine Sprecherin, „unserem Gesundheitsamt wurde ein Hygienekonzept für einen Videodreh zugesandt, gegen das in der vorgelegten Form keine Bedenken bestanden.“ Maximal 13 Personen seien darin angekündigt worden – MMA-Kämpfer mit Coronatests, Kameraleute, Produktion. „Publikum war nicht vorgesehen“, sagt die Behördensprecherin.

Was sagen die Veranstalter? In einem achtminütigen Statement bei Youtube nimmt Axel Ermantraut, einer der drei Macher des „One Punch Clubs“, Stellung: „Es ist möglich, dass ein, zwei Personen zu viel da waren. Es ist auch möglich, dass ich vielleicht nicht der Netteste zur Polizei gewesen bin“, räumt er ein. Im Gegenzug kritisiert er das Vorgehen der Beamten, die sich wenig kooperativ gezeigt, eine anwesende Sanitäterin eingeschüchtert und sogar den Weg für einen Rettungswagen nicht freigemacht hätten. Und er kritisiert die Medien, die die erste Polizeimeldung ungeprüft übernommen hatten. Den Krankenwagen habe man gerufen, weil ein Kämpfer aus Berlin Kreislaufprobleme gehabt hätte. „Am Ende des Kampfes wurde der Kämpfer in den Safe-Room gebracht und dort versorgt. Der Krankenwagen wurde pro forma gerufen“, erklärt Ermantraut. In der Polizeimeldung war von einem Schwerverletzten die Rede. „Totaler Quatsch“, sagt er. Genau wie die angegebene Zahl von Besuchern: „Maximal 20“ seien in der Halle gewesen.

Umar Dukiev heißt der junge Mann, der ins Krankenhaus Hamburg-Boberg gebracht wurde, mittlerweile aber wieder entlassen wurde. In seiner Videobotschaft auf den Kanälen des „One Punch Club“ ist von schweren Verletzungen zumindest im Gesicht des Berliners nichts zu sehen. „Es war alles halb so schlimm. Mir geht‘s gut, ich bin fit“, versichert Kämpfer Dukiev dort.

„Kein Wort über den Fightclub“ – die Regel aus dem Kinohit wurde in Westergellersen nicht eingehalten. Doch das stört die Macher des „One Punch Club“ nicht: Schließlich haben sie ehrgeizige Pläne: Sie wollen eine europaweite Kampfliga etablieren, haben dafür viel Geld in die Hand genommen und teils sogar ihre Jobs aufgegeben. Durch die vielen Presseberichte hat sich ihr Klub in Windeseile einen überregionalen Namen gemacht.

„Negative Werbung ist auch Werbung“, heißt es in einem Kommentar unter Axel Ermantrauts Statement bei Youtube – „ich wette, durch diesen Shitstorm habt ihr Zehntausende an Promo-Kosten gespart.“ Damit könnte der Autor gar nicht so falsch liegen …