Lüneburg. „Seine Welt war plötzlich viel bunter“, erinnert sich Kira Hildebrand, an den Moment als ihr Sohn (2) zu hören begann. Da war Lukas (auf Wunsch der Mutter haben wir den Namen geändert) neun Monate alt. Lukas ist von Geburt an gehörlos. „An Taubheit grenzende Schwer­hörigkeit“ lautet die genaue Diagnose. „Das ist eine genetische Erkrankung, von der wir als Eltern nichts wussten – aber wir haben sie ihm vererbt“, erklärt die Mutter. Im ersten Moment sei das ein Schock für alle gewesen, schließlich wünsche sich doch jeder ein gesundes Kind. Zwar sind die Eltern beide Ärzte, aber: „Sobald man Kinder hat, ist gefühlt jedes Fachwissen dahin“, erzählt die Medizinerin.

In den ersten Monaten seines Lebens sei Lukas ruhig gewesen, er habe viel geschlafen, wenig geweint und in seiner stillen Welt gelebt. Kommuniziert haben die Eltern mit ihrem Kind damals über die Hände. „Viele Wörter wie essen, trinken oder schlafen gebärdet man ja quasi automatisch“, sagt Kira Hildebrand. Heute ist der Junge zwei Jahre alt – und auf den ersten Blick ist von seiner Hörbehinderung nichts zu merken. Lukas läuft neugierig durch die Welt, hat natürlich auch mal Flausen im Kopf – und er liebt Musik. Denn Lukas kann inzwischen hören.

Mit acht Monaten bekam er ein sogenanntes Cochlea-Implantat. Das kleine Gerät am Kopf wird verwendet, wenn ein Hörnerv vorhanden ist, aber normale Hörgeräte nichts bringen. Seit der OP trägt Lukas nun zwei spezielle Hörgeräte. Sie senden den Ton jedoch nicht in die Ohr­muschel, sondern über Magnetpole am Hinterkopf direkt an das Implantat im Innenohr. „Das Gerät ist ein großer Gewinn“, sagt Kira Hildebrand. Allerdings gibt es auch Einschränkungen. Der Magnet des Sprachprozessors kann sich beim Spielen lösen – und kürzlich gab es bei den Hildebrands einen Kabelbruch. Nachts, beim Baden, bei leerer Batterie, wenn er einen Helm tragen muss – immer, wenn Lukas das Gerät nicht tragen kann, ist er gehörlos. Da sie ihren Sohn niemals hilflos sehen wollen, nur weil er nicht hören kann, lernten die Eltern die Gebärdensprache. „Damit bleibt immer eine Sprache erhalten“, weiß Mutter Kira Hildebrand und fügt hinzu: „Bilingual hat er später alle Möglichkeiten.“

Die Eltern wünschen sich für ihren Sohn, dass er möglichst normal aufwächst. Dass das ist nicht immer leicht ist, mussten sie schon erfahren: „Vergangenes Jahr haben wir uns über das Lüneburger Kita-Portal für einen Krippenplatz beworben und einen Besuchstermin in der Kindertagesstätte Paul Gerhardt im Hanse­viertel gemacht“, erinnert sich die 31-Jährige. Bei dem Treffen hätten sie auch mit der Einrichtungsleiterin Heike Treichel gesprochen und gefragt, ob die Taubheit ihres Sohnes ein Problem darstellen könne. „Ein paar Wochen später bekamen wir eine Absage mit der Erklärung, das Team würde sich das nicht zutrauen“, erzählt Kira Hildebrand.

Als sie nun ein Jahr später in der Zeitung las, dass der Paul-Gerhardt-Kindergarten mit Mitteln aus dem Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ gefördert wir, „da bin aus allen Wolken gefallen“, sprudelt es aus der zweifachen Mutter heraus. Sie fragt: „Wie kann es sein, dass die Einrichtung unseren Sohn ablehnt und nun ausgerechnet diese Förderung erhält.“ Für die Jahre 2021 und 2022 bekommt die Kita insgesamt 43.751 Euro als Zuschuss zu den Personalkosten. Dass die Mittel aus dem Berliner Familienministerium nach Lüneburg fließen, war Mitte März auch der hiesigen SPD-Bundestagsabgeordneten Hiltrud Lotze (SPD) eine Pressemitteilung wert.

Die Lünepost hakte bei der Kita-Leitung nach. „Wir hatten zum Zeitpunkt der Anfrage leider nicht die fachmännischen Kapazitäten, zudem waren 14 Kinder in der Gruppe – daher haben wir uns nicht in der Lage dazu gesehen“, sagt Heike Treichel und erklärt, bei der Aufnahme eines Kindes seien sowohl die Bedingungen in der Kita als auch die Voraussetzungen des Kindes und die Zusammensetzung der Gruppe zu beachten, um eine gute Betreuung und Bildung anbieten zu können. Und wie kam es zu der Förderung? „Da wir bestrebt sind, die Rahmenbedingungen für eine gelingende Betreuung und Förderung immer zu verbessern, haben wir uns für das Bundesprogramm ‚Sprach-Kitas‘ beworben“, sagt die Kitaleiterin. Sie hat nun erneut Kontakt zu den Hildebrands aufgenommen und die Eltern zu einem Gespräch eingeladen: „Es wäre schön, wenn das Kind zu einem anderen Zeitpunkt unsere Einrichtung besuchen könnte“, hofft Heike Treichel.

Lukas jedoch wird seit Mai 2020 bei einer engagierten Tagesmutter in Melbeck betreut. „Sie ist überhaupt nicht spezialisiert – aber total engagiert“, erzählt Kira Hildebrand begeistert. Die Familie ist erleichtert, ihren Sohn in so guten Händen zu wissen. Mit Begeisterung lernte seine Tagesmutter sogar die Gebärdensprache und nahm an Fortbildungen teil. Der Alltag mit Lukas sei ganz normal. „Seine Natur ist ja seine Gehörlosigkeit“, sagt Mutter Kira Hildebrand und betont: „Deswegen habe ich mich überhaupt gemeldet – denn solch eine finanzielle Unterstützung hätte ich mir für Lukas Tagesmutter gewünscht. Die ist wirklich mit ihrem Herzen dabei.“

Wie die Lünepost erfuhr, ist das Thema Paul-Gerhardt-Kita mittlerweile auch bei Bundesgesundsheitministerin Franziska Giffey in Berlin angekommen. Ihr Haus soll von Leiterin Treichel eine Stellungnahme zur Ablehnung angefordert haben.