Jüdischer Rapper Ben Salomo im Lünepost-Interview

Lüneburg. Ben Salomo gehört zu den erfolgreichsten und zugleich außergewöhnlichsten Rappern Deutschlands. Schon seit Jahrzehnten wird der jüdische Musiker immer wieder mit Judenhass konfrontiert. Um auf den wachsenden Antisemitismus in der Gesellschaft aufmerksam zu machen, besucht er Schulen und diskutiert mit Jugendlichen darüber. Auch an zwei Lüneburger Schulen wird Ben Salomo zu Gast sein. Die Lünepost sprach mit ihm im Vorfelds seines Besuchs:

Lünepost: Ganz naiv gefragt, weil man es sich als Christ nicht unbedingt vorstellen kann: Wie ist es als Jude in Deutschland? Bekommen Sie täglich/im Alltag Hass zu spüren?

Ben Salomo: „Wenn man als Jude in Deutschland aufwächst, begegnen einem antisemitische Denkmuster leider sehr häufig. Denkmuster, die Juden z. B. pauschal mit Macht, Geld und Ausbeutung, sprich all den negativen Aspekten des Kapitalismus in Verbindung bringen, existieren in unterschiedlichen Teilen und Spektren der Gesellschaft, von der Mitte bis an die Ränder. Hinzukommt noch der Antisemitismus im Kostüm des Antizionismus, der den jüdischen Staat delegitimiert, dämonisiert und einseitig für den Nahostkonflikt verantwortlich macht. Weitere Formen wären der muslimisch geprägte Antisemitismus, der Juden aufgrund einiger Koranverse und Hadithe als Feinde des Islams identifiziert oder der christlich geprägte Antijudaismus, der Juden aufgrund der Passionsgeschichte für die Kreuzigung Jesu verantwortlich macht, wobei die erstgenannte Form, laut Studien, heutzutage ein größeres Problem darstellt. Der klassische Judenhass rassistischer Prägung, wie ihn die Nazis und Neonazis propagieren, darf in diesem Kontext auf keinen Fall unerwähnt bleiben. Was aber all diese Formen miteinander gemein haben, ist ihre Vorliebe für antisemitische Verschwörungsmythen, die teilweise Deckungsgleiche Narrative erzählen. Diese Narrative spielen bei der Verbreitung des heutigen Antisemitismus eine Schlüsselrolle und erschaffen eine ideologische Schnittmenge.

In welchem Ausmaß man als Jude diesen Hass im Alltag zu spüren bekommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, z. B. in welcher Region man sich aufhält, wie die jeweilige Umgebungsbevölkerung zusammengesetzt ist, ob man sich in einem gutbürgerlichen- oder einem Brennpunktviertel bewegt, ob man jüdischer Schüler an einem gut aufgestellten Gymnasium oder auf einer von Mangel geprägten Sekundarschule in Berlin Wedding ist. Da der Großteil der jüdischen Bevölkerung Deutschlands eher in den urbanen Ballungszentren lebt, begegnet ihnen, laut Umfragen, der Antisemitismus aus Teilen der Migrantengesellschaft häufiger, als der aus dem politisch linken oder rechten Spektrum. Persönlich ist das auch meine eigene Erfahrung.

Ein weiterer Alltagsort, wo man den Antisemitismus 24/7 beim Wuchern zusehen kann, sind die sozialen Netzwerke. Dort entlädt er sich in all seinen Ausprägungen, völlig ungeniert, in unzähligen Kommentarspalten, Facebook-Beiträgen und YouTube-Videos.“

Lünepost: Sie gehen in Schulen, um über Judenhass/Antisemitismus aufzuklären. Merken Sie, dass viele Schüler heutzutage gar nicht mehr viel darüber wissen, dass vielen vielleicht gar nicht bewusst ist, dass manche Dinge antisemitisch sind?

Ben Salomo: „Die Unwissenheit darüber was Antisemitismus überhaupt ist, welche verschiedenen Formen er annehmen kann, welche Strömungen es gibt und welche Strategien er anwendet, um sich zu tarnen, ist bedauerlicher Weise enorm. Das gilt nicht nur für Schüler, sondern auch für viele Lehrer und – nach meiner Beobachtung – insgesamt für unsere Gesellschaft.“

Lünepost: Wie wichtig ist es, dass Sie in Schulen gehen und über Judenhass/Antisemitismus aufklären? Wäre das nicht eigentlich Aufgabe des Geschichtsunterrichts bzw. der Schule selbst?

Ben Salomo: „An Schulen zu gehen, um über meine Erfahrungen mit Antisemitismus zu sprechen, ist mir sehr wichtig und auch ein persönliches Anliegen. Als Schüler in Berlin, war ich selbst jahrelang antisemitischem Mobbing von Mitschülern ausgesetzt und so kann ich authentisch über diese Dinge sprechen und Schüler sowie Lehrerschaft, für diese Problematik sensibilisieren. Eine Kernbotschaft in meiner Aufklärungsarbeit, ist die Stärkung der Empathie und der Zivilcourage. Dadurch hoffe ich, nicht nur antisemitische Denkmuster und die spezifisch damit verbundene Diskriminierung zurückzudrängen, sondern Diskriminierung und Mobbing im Allgemeinen. Grundsätzlich sehe ich aber eine große Notwendigkeit darin, ganzheitliche Aufklärungsarbeit in Bezug auf Antisemitismus im deutschen Schulsystem und in den Lehrplänen zu integrieren. Dabei darf man auch nicht davor zurückschrecken, insbesondere den Antisemitismus im Tarnmantel der ‚Israelkritik‘ anzusprechen, in dessen Windschatten, sich oftmals alle anderen Formen des Antisemitismus einreihen.“

Lünepost: Sie sind in der Musikszene/Rapszene bekannt geworden. Auch dort erlebten Sie Judenhass. Könnten Sie ein, zwei Beispiele erzählen, wie man sich das vorstellen muss?

Ben Salomo: „In meinem Buch „Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens“, habe ich viele Situationen ausführlich zusammengetragen, die den Judenhass in der Rap-Szene beschreiben. Wichtig zu betonen ist, dass sich diese Judenfeindlichkeit eben nicht nur in den Texten einiger Künstler niederschlägt, sondern sich als gelebte Denk- und Handlungsmuster im Alltag fortsetzten. Ein besonders weit verbreitetes Phänomen war, dass ich zu einer Projektionsfläche für das antisemitische Narrativ des ‚jüdischen Ausbeuters‘ wurde. Meine sehr erfolgreiche Veranstaltung ‚Rap am Mittwoch‘ wurde von vielen zur ‚Judenveranstaltung‘ erklärt, aus mir wurde ‚der raffgierige jüdische Geschäftsmann‘ gemacht, der die Hip-Hop Kultur ausschließlich für seinen eigenen Profit ausschlachtet. Auf diese Art und Weise wurde hinter den Kulissen massiv Hetze gegen mich betrieben, sogar mit dem Aufruf meine Veranstaltung und meine Musik komplett zu boykottieren. Hier werden Analogien deutlich zum klassischen Slogan der Nazis ‚Kauft nicht bei Juden‘ oder den weltweiten Kampagnen der antisemitischen BDS-Bewegung, die dazu aufruft, israelische Handelswaren zu boykottieren.“

Lünepost: Sie waren sehr erfolgreich in der Rap-Szene. Wäre es nicht der bessere Weg, sich weiterhin an die Jugendlichen über diese musikalische Form zu wenden und sie darüber aufzuklären als in Schulen zu gehen?

Ben Salomo: „Ich glaube beides ist wichtig. Ich habe schon vor Jahren in vielen meiner Songs versucht, Brücken zu bauen und darauf hingewiesen, dass sich der Antisemitismus in Teilen der Rap-Szene und in der Gesellschaft, immer weiter ausbreitet. Mein neuester Song, der sich mit diesem Thema befasst, nennt sich „Sie sagen mir“. Darin beklage ich, dass in unserer Gesellschaft die Bereitschaft wächst, sich mit faschistischen und extremistischen Ideologien zu arrangieren. Ich denke jedoch, mit Musik allein, lässt sich nicht allzu viel nachhaltig erreichen. Wäre es anders, hätten wir nach dem Song ‚Imagine‘ von John Lennon, seit 1971 Weltfrieden. Deshalb gehe ich gerne an Schulen und versuche auf persönlicher Ebene aufzuklären und zu sensibilisieren.“

Lünepost: Sollte die Musik- bzw. Rapperszene besser/stärker beobachtet werden – etwa von politischen Institutionen wie dem Verfassungsschutz?

Ben Salomo: „Ich denke ja. Es gibt leider viele Rapper, die in ihren Texten die Grenze zur Volksverhetzung schrammen in dem sie z. B. antisemitische Verschwörungsmythen verbreiten und diese Narrative auch in Interviews bekräftigen. Zusätzlich gibt es einige, die es geschickt verstehen, mit mal mehr mal weniger subtilen Mitteln, ihre Sympathie für islamistische Ideologien zu transportieren und dadurch zu ihrer Verbreitung beitragen. Natürlich ist die Freiheit der Kunst ist ein sehr hohes Gut in unserer demokratischen Gesellschaft, aber ich bin definitiv der Ansicht, dass die Kunstfreiheit nicht höher stehen darf, als der Schutz unserer Gesellschaft, vor antidemokratischen, faschistischen und antisemitischen Ideologien, mögen diese noch so kunstvoll verpackt sein.“

Lünepost: Gibt es eigentlich „typisch deutschen“ Judenhass und „typisch arabischen“ Judenhass?

Ben Salomo: „Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich zu komplex und ich müsste sehr weit ausholen, schließlich gehört der Antisemitismus, das muss man leider so sagen, seit vielen Jahrhunderten zur deutschen und europäischen Kultur. Aber als typisch deutschen Judenhass neuerer Zeit, der seit Kriegsende bis in unsere Gegenwart hineinwirkt, kann man den Entlastungs-Antisemitismus bezeichnen. Sein besonderes Merkmal ist der permanente Versuch, einerseits, die Verbrechen der Nazis zu relativieren und die erwiesene Beteiligung, weiter Teile der deutschen Bevölkerung, am größten Massenmord der Menschheitsgeschichte, als geringfügig darzustellen, während er andererseits danach strebt, Analogien zum Israel-Palästina Konflikt zu konstruieren, um die haltlose Behauptung aufzustellen, die Juden würden heute den Palästinensern dasselbe antun, was die Nazis damals den Juden angetan haben. Dieser antisemitische Schuldabwehrmechanismus, ist in Deutschland ungemein weit verbreitet und wird seit Jahrzehnten in Gestalt einer völlig einseitigen und obsessiven ‚Israelkritik‘ zum Ausdruck gebracht. Das geht soweit, dass seit dem Jahr 2017, die Wortschöpfung ‚israelkritisch‘ als einzige ihrer Art, in den deutschen Duden aufgenommen wurde. Darin lässt sich deutlich erkennen, wie außerordentlich wichtig den Deutschen ihre einseitige Kritik am jüdischen Staat ist und wie sehr es ihnen am Herzen liegt, Israel unter allen anderen kritikwürdigen Nationen herauszupicken und ihm, im deutschen Duden, dieses Alleinstellungsmerkmal zu zuzusprechen.

Der typisch arabische Antisemitismus hat ebenfalls eine lange Tradition und wird teilweise gespeist aus Überlieferungen im Koran sowie zahlreicher Hadithe. Hinzukommt der seit vielen Jahrzehnten tradierte und im Zuge der arabischen Nationalstaatenbildung propagierte Antizionismus, der den Juden einen eigenen Nationalstaat in ihrem historischen Stammesland verwehrt. Dieser arabische Antisemitismus auf nationaler Ebene, hat seinen Ursprung im Panarabismus und in der damit verbundenen Zusammenarbeit des NS-Regimes, mit dem damaligen Großmufti von Jerusalem und Wannseekonferenzteilnehmer Mohammed Amin al-Husseini, der ein guter Freund und Bewunderer Adolf Hitlers war. Im Zuge dieser ideologischen Nähe, unterstützten die Nazis die panarabischen Nationalisten unter anderem mit antisemitischem Propagandamaterial und legten damit das Fundament, für den bis heute sehr weit verbreiteten Judenhass in der arabischen Welt. Bedauerlicher Weise bezeichnen palästinensische Führer wie Mahmud Abbas, die im Westen gemeinhin als moderat betrachtet werden, ebendiesen Mohammed Amin al-Husseini, als den „geistig-geistlichen Vater der palästinensischen Nationalbewegung“. Für Juden kann eine derartige Aussage nichts Gutes bedeuten.“

Lünepost: Sie leben weiterhin in Deutschland. Ist Ihnen jemals der Gedanke gekommen, dass Deutschland für Sie als Jude nicht mehr „lebenswert“ ist?

Ben Salomo: „Leider habe ich diesen Gedanken schon sehr oft in meinem Leben gehabt. Jedes Mal, wenn sich in Deutschland ein antisemitischer Vorfall ereignet, sich Politiker, Medien oder Journalisten antisemitisch äußern, Deutschland in der UN wiederholt einer antisemitischen Resolution zustimmt, ich selbst oder jemand in meinem Umfeld antisemitisch bedroht oder angefeindet wird, bekommt dieser Gedanke zusätzliche Substanz. Inzwischen muss ich leider dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland deshalb zustimmen, wenn er sagt: ‚Es ist fünf nach zwölf!'“

Lünepost: In Zeiten von Populismus, AfD etc. – was können wir „offenen und liberalen“ Menschen tun, um gegen die antisemitischen Strukturen vorzugehen?

Ben Salomo: „Um den Antisemitismus in Deutschland wirklich nachhaltig zurückzudrängen, muss die individuelle Gleichgültigkeit und die falsche Toleranz gegenüber allen Auswüchsen des Extremismus und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, durchbrochen werden. Weiterhin ist es unabdingbar, dass man alle Formen und Strömungen des Antisemitismus klar benennt und gleichermaßen verurteilt. Es darf keinen blinden Fleck mehr geben, der gewisse Formen der Judenfeindschaft, wie z.B. den migrantisch-muslimisch geprägten oder israelbezogenen Antisemitismus, relativiert oder diesen, als eine Folge von Islamfeindlichkeit zum Kollateralschaden verklärt. Es müssen endlich ausreichend Mittel für das Bildungssystem zur Verfügung gestellt werden, um Lehrer, von fachkundigen Antisemitismusexperten, in dieser Thematik zu weiterzubilden, damit sie dieses Wissen an ihre Schüler übermitteln können. Zudem sollten Schüler nach dem Besuch von Holocaust-Gedenkstätten, großflächig die Möglichkeit erhalten, eine Klassenfahrt nach Israel zu machen, um Land und Leute kennenzulernen. So ließen sich festgefahrene Vorurteile, Ressentiments sowie Feindbilder abbauen und menschliche Beziehungen aufbauen. Ebenfalls dringend notwendig wäre es, Parteien, Vereine, Verbände und andere vom Ausland gesteuerte Institutionen, die Förderung zu entziehen und ggf. zu verbieten, wenn belegbar ist, dass sie antisemitische und demokratiefeindliche Ideologien verbreiten. Außerdem muss die deutsche Außenpolitik einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Israel vollziehen und endlich ihre doppelten Standards ablegen. Auch Teile der Medien müssen sich, im Zusammenhang mit der Nahostberichterstattung, kritisch hinterfragen und im Eskalationsfall, die chronologischen Abfolgen von Angriff und Verteidigung, ereignisgetreu wiedergeben. Es dürfen keine Verkürzungen oder Auslassungen mehr stattfinden, die zu einer Täter-Opfer-Umkehr beitragen und Israel, als ständigen Aggressor darstellen, während der nicht enden wollende Raketenterror der Hamas heruntergespielt wird. Den Schlagzeilenmachern muss bewusst werden, dass diese Form der verkürzten Berichterstattung, dem israelbezogenen Antisemitismus, zusätzlichen geistigen Nährboden gibt. Das bleibt in den Köpfen der Menschen nicht ohne Wirkung. Ich könnte noch viele weitere Punkte nennen, aber es wird deutlich: Deutschland hat alle Hände voll zu tun! Das Wort ‚israelkritisch‘ aus dem Duden zu streichen, wäre aber schon mal ein Anfang.“

Lünepost: Vielen Dank für das ausführliche Interview!