Melbeck. Emma Sunshine nuckelt schmatzend an ihren zarten Fingerchen. „Sie hat Hunger“, vermutet Dorota Issmär und legt die Kleine behutsam in die Arme von Mama Kirstin Hamp. Die Nachbarin hat eine ganz besondere Verbindung zu dem wenige Tage alten Mädchen – sie hat bei der Geburt geholfen.

Emma Sunshine ist am 22. März geboren. Zwölf Tage zu früh. Eine völlig überraschende Sturzgeburt im heimischen Badezimmer der Familie Hamp in Melbeck. „Ich hatte eine ganz entspannte Schwangerschaft“, erzählt die frischgebackene Zweifachmama. In der Nacht vor der Geburt habe sie zwar etwas unruhig geschlafen, aber Anzeichen von Wehen habe es keine gegeben. Seelenruhig geht das Ehepaar nachmittags zum Coronatest. Gegen Abend, die Familie sitzt gerade gemütlich mit Sohn Leonard (10) im Wintergarten, spürt Kirstin Hamp ein leichtes Bauchziehen. Sie beschließt, bei einem warmen Bad zu entspannen. Parallel schickt sie ihren Mann Detlef Hamp zum Supermarkt. Der Schwangerschaftstee ist leer. Der soll gegen das Ziehen helfen. Die Melbeckerin bleibt ruhig und macht sich keine Sorgen: „Es war ja noch Zeit und Wehen hatte ich auch keine.“ Sohn Leonard gibt ihr noch ein Küsschen auf den Bauch und verabschiedet sich vor den Fernseher. Die anderen beiden Kinder des Vaters, Kim (13) und Julian (8), sind an diesem Abend nicht zu Hause.

Plötzlich geht alles ganz schnell: In der Wanne wird Kirstin Hamp übel, sie muss sich übergeben. Die 38-Jährige informiert ihren Mann, schreibt ihm aber, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche. Sie sollte sich täuschen: Gegen 19 Uhr spürt sie einen Druck im Unterleib. „Ich dachte, ich muss auf die Toilette“, erzählt die Mutter. Sie lässt das Badewasser raus und geht zur Toilette. Plötzlich geht alles ganz schnell: Die Fruchtblase platzt, „und dann habe ich auch schon die Haare des Babys gespürt.“ Zwar hatte die Melbeckerin zuvor über eine Hausgeburt nachgedacht, aber so hatte sie damit nicht gerechnet. Eine Wassergeburt dagegen war ohnehin geplant. Also bückt sich die hochschwangere Frau instinktiv vor die Badewanne und lässt das Wasser wieder einlaufen.

In dem Moment stürmt Detlef Hamp zur Tür rein. „Ich habe direkt einen Notruf abgesetzt“, erinnert er sich. Parallel kommt Nachbarin Dorota Issmär nach Hause und sieht Detlef Hamp aufgeregt über die Auffahrt flitzen. „Ich habe sofort gesehen, dass etwas passiert ist und bin über den Zaun“, erzählt sie. Noch heute hat sie den Hilferuf von Kirstin Hamp aus dem Bad in den Ohren: „Das Baby kommt!“ Sie wäscht sich die Hände, hilft der werdenden Mutter zurück in die Wanne und konzentriert sich. „Ich habe es genauso gemacht, wie im Fernsehen“, sagt die Reinigungkraft lächelnd. Denn während ihrer eigenen drei Schwangerschaften hatte sie viele solche Sendungen gesehen. Ganz ruhig redet sie im Bad auf Kirstin Hamp ein, zählt mit ihr gemeinsam bis drei und lässt sie pressen – schon kommt das Köpfchen raus. Dorota Issmär hat Sorge um die Atmung des Babys, hält den Kopf vorsichtig an den Ohren. Die Mutter presst ein zweites Mal – und um 19.12 Uhr erblickt die kleine Emma Sunshine das Licht der Welt. „Ich hielt sofort mein Ohr an ihren Mund, um zu hören, ob sie atmet – dann gab ich ihren einen Klapps und sie schrie los“, erzählt die 49-Jährige. Unbeschreiblich sei das gewesen, mit Abstand der schönste Tag in ihrem Leben. Vorsichtig wickelt sie das 3870 Gramm schwere Baby in ein Handtuch und legt es der Mutter auf den Bauch.

Schnell – aber nicht so schnell wie Emma Sunshine – kommt dann auch der Rettungsdienst. Die Sanitäter durchtrennen die Nabelschnur und bringen Mutter und Kind ins Lüneburger Krankenhaus. „Zum Glück hatten wir den Coronatest gemacht“, sagt Detlef Hamp lachend, denn so konnte er seine Frau begleiten. „Wir hatten das alles natürlich anders geplant, noch nicht mal die Krankenhaus­tasche gepackt.“ Sohn Leonard bleibt über Nacht bei Dorota, Mutter und Kind kommen zur Beobachtung ein paar Tage auf Station.
„Wir sind Dorota unglaublich dankbar“, sind sich die frischgebackenen Eltern einig. Emma Sunshine scheint ganz der Meinung ihrer Eltern zu sein: Seelenruhig schlummert sie auf Dorotas Arm und lässt sich in der Sonne wiegen. Ein kleiner „Sunshine“ eben.