Lüneburg. Verspätungen, egal ob bei Zügen oder Bussen, sorgen nicht selten für unzufriedene Fahrgäste. Dass ein Passagier jedoch komplett durchdreht, weil der Busfahrer den Fahrplan einhalten möchte, hat es so wohl auch noch nicht oft gegeben. Passiert ist es jetzt in Lüneburg.

Mahdi Hosseini sitzt am Dienstagmorgen am Steuer der Linie 5003. Die Straßen sind frei und der junge Busfahrer kommt gut durch die Stadt. So gut, dass er sogar vor dem Fahrplan liegt. „Ich hatte an der Haltestelle Städtisches Klinikum ein bis zwei Minuten Wartezeit, weil ich zu früh da war“, erzählt er. „In der Zeit habe ich mich mit einem Kollegen draußen unterhalten.“

Das Warten gefällt einem Fahrgast überhaupt nicht. „Er kam nach vorne und meinte, ich soll jetzt fahren. Als ich antwortete, dass ich zu früh bin, fing er an, mich zu beleidigen“, erzählt Hosseini und zitiert übelste Beschimpfungen, die eher nicht in die Zeitung gehören.

Der wütende Passagier ist nun nicht mehr zu stoppen: „Er spuckte in mein Gesicht und ich bekam Faustschläge an die Stirn und in den Nacken“, sagt der aus Afghanistan stammende Busfahrer, der seit zwölf Jahren in Lüneburg lebt. Zwei andere Fahrgäste greifen ein und halten den Angreifer fest. Um die Attacke zu dokumentieren, holt Mahdi Hosseini sein Handy aus der Tasche. „Daraufhin klaute mir der Mann das Telefon und lief weg.“ Auch der Busfahrer springt nun auf die Straße und rennt hinterher. „Ich hielt ihn an und meinte, ‚Gib mir mein Handy zurück‘. Aber er warf es auf den Boden. Dann hat er mich wieder geschlagen und an den Arm getreten“, sagt Hosseini und holt das Smartphone mit zersplittertem Display aus der Tasche. Danach sei der Unbekannte weggelaufen. Unter den Zeugen kursiert zu dem Zeitpunkt noch das Gerücht, dass der Angreifer ein Messer ins Gebüsch geworfen haben soll, was er aber wieder herausgeholt haben soll.

Der verletzte Hosseini lässt über die KVG-Zentrale die Polizei rufen. Die Beamten kommen mit vier Wagen, sie können den Unbekannten jedoch nicht finden. Während der verletzte Busfahrer zu Fuß ins naheliegende Klinikum geht, übernimmt ein Kollege seine Tour.

Bilanz des Angriffs: „Mein 500-Euro-Handy ist kaputt, meine Uhr auch. Ich habe Verletzungen am Kopf und am Auge, außerdem ist meine Hand verstaucht“, zählt der 29-Jährige auf. Er ist krankgeschrieben, hat einen dicken Verband, mehrere Hämatome am Kopf und auf der Brust.
Hosseini sagt, es war nur eine Frage der Zeit, dass es zu einem solchen Vorfall gekommen ist: „Es kommt fast täglich vor, dass sich Fahrgäste unkollegial verhalten – oft ausländerfeindlich, aber auch gegenüber anderen Fahrern.“ Er findet, das Thema gehöre in die Öffentlichkeit: „Ich habe das lange genug über mich ergehen lassen – aber das war zu viel!“
Dem 29-Jährigen geht es nicht nur körperlich schlecht: „Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Ich bin entsetzt, aber auch wütend – und ich traue mich kaum noch vor die Tür“, berichtet er. Hosseini hofft, dass der Angreifer gefunden wird. Das Problem: Die Videoaufnahmen sind nicht sonderlich gut, und einige Zeugen verließen den Tatort, bevor sie von der Polizei befragt werden konnten. „Aber bei dem netten Fußgänger möchte ich mich bedanken, der so lange geblieben ist, bis er der Polizei alles sagen konnte“, sagt Mahdi Hosseini.

Der Angreifer soll etwa 1,80 Meter groß und schlank gewesen sein. Er trug einen grauen Hoodie und kurze Jeans, hatte kurze Haare. Er ist vermutlich Deutscher und um die 25 Jahre alt. Zudem soll er berauscht gewirkt haben. Wer Hinweise zum Angreifer geben kann, erreicht die Polizei­wache in Lüneburg unter (04131) 83 06 22 15.