„Corner“-Trend beschäftigt Polizei

Bei der Polizei weiß man: Es sind meist nicht die Kneipengäste, die am Stint Krawall machen, sondern Gruppen, die schon betrunken dort ankommen und „für Stress sorgen“. Foto: t&w

Lüneburg. Als er am Dienstagvormittag, 27. Februar, die Kriminalstatistik der Polizei für das Jahr 2017 vorstellte, zeigte sich Hans-Jürgen Felgentreu, Leiter der Polizeiinspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen, sehr zufrieden.

Die Zahlen sprechen für die Arbeit der Polizei: In den drei Landkreisen gab es rund 1000 Taten weniger als 2016, dazu ist die Aufklärungsquote gestiegen.

Vor allem die sinkenden Fallzahlen bei den Haus- und Wohnungseinbrüchen bezeichnet Felgentreu als Erfolg. Der Gesamttrend sei positiv, doch „das ist für uns kein Grund, uns auszuruhen“, weiß der Polizei-Chef. Sorge bereitet vor allem der „Corner“-Trend.

Über 70 Einbrüche oder Einbruchsversuche gab es im Jahr 2017 weniger als 2016.

Das führt Felgentreu zum einen auf vermehrte Präsenz und Kontrollen, aber auch auf das Verhalten der Bürger zurück: „Polizei, Handwerk und Medien klären gut auf, Fenster und Türen werden häufig besser gesichert als in der Vergangenheit“, so der Polizei-Chef. Das unterstreiche auch die Tatsache, dass es bei mehr als einem Drittel der Einbruchsdelikte bei Versuchen geblieben sei.

Einen Fokus legt Hans-Jürgen Felgentreu auch auf die Kfz-Aufbrüche und Diebstähle aus Autos.

Dieses Feld sieht er mit gemischten Gefühlen: „Die Zahlen sind für 2017 auch rückläufig. Aber es handelt sich dabei um die abgeschlossenen Fälle.“ In den vergangenen Wochen gab es nämlich wieder mehr Taten. „Es wird hier momentan eine Schwemme an Drogen preiswert angeboten“, weiß Felgentreu. Das ziehe auch Klientel aus Hamburg nach Lüneburg. „Und der Konsum muss finanziert werden“, sagt er. Man habe einige Täter „am Haken“. Ein einzelner soll in der Vergangenheit an mehr als 50 Autos die Scheiben jeweils mit Feldsteinen eingeworfen und Wertsachen mitgenommen.

Unabhängig davon habe die Polizei die Drogenszene im Blick.

„Wir sind mit deutlich mehr Personal zu Fuß unterwegs, denn uns ist bekannt, dass dieses Klientel auch in Gruppen unterwegs ist, um in Läden zu stehlen“, erklärt Hans-Jürgen Felgentreu, „wir werden weiter präsent sein, auch um dem Handel den Rücken zu stärken.“

Eine weitere Erkenntnis der Statistik: Die Zahl der Gewalttaten ist von mehr als 2000 auf 1870 Fälle gesunken. „Trotzdem fühlen sich einige Bürger im öffentlichen Raum nicht sicher. Da gehen subjektive und tatsächliche Sicherheit auseinander“, gibt Felgentreu zu bedenken.

Dabei stießen die Beamten auf ein für sie neues Phänomen: „Das Vorglühen war mir bekannt“, sagt Roland Brauer, Einsatzleiter bei der Lüneburger Polizei, „aber inzwischen wird auch ‚gecornert‘.“

Cornern kommt vom englischen Wort „corner“, also „Ecke“. Dabei treffen sich mehrere Menschen, um gemeinsam an einer Straßenecke zu trinken. „Dieses Klientel fällt besonders am Stintmarkt auf“, so Brauer weiter, „weil es sich an den Kiosken in der Nähe günstig mit Alkohol eindecken kann.“ Danach ziehen die völlig Betrunkenen laut Polizei über den Stint „und die Wirte haben den Ärger“, meint Roland Brauer, „wenn die Randalierer für Stress und Körperverletzungen sorgen und am Stint Müll und Scherbenhaufen hinterlassen.“

Man sei in intensiven Gesprächen auch mit der Stadt, wie man das Problem lösen könne. Videoüberwachung sei einmal angedacht worden. Aktuell fahre man aber mit „Betretungsverboten“, die auch schon am Sande und in Kaltenmoor ausgesprochen wurden, ganz gut. Wer das ignoriert, muss bis zu 5000 Euro zahlen. „Aber bislang halten sich alle daran“, weiß Brauer. Eine Sperrzeit für den Stint stehe nicht zur Debatte. Damit würde man nur die Wirte und ihre Gäste bestrafen, nicht die Hauptverursacher.

Polizei-Chef Felgentreu spricht auch über die Straftaten, die von Flüchtlingen begangen wurden:

Nur an 7,6% der aufgeklärten Straftaten war diese Gruppe beteiligt, 8,5% der ermittelten Straftäter sind Flüchtlinge. „Damit sind sie im Vergleich zur deutschen Bevölkerung leicht überrepräsentiert, aber es ist noch nicht viel. Das wird am Stammtisch ganz anders diskutiert. Da wird Stimmung gemacht“, so Felgentreu. Als Beispiel nennt der Polizei-Chef die „Beleidigungen auf sexueller Basis“ – also etwa das Antanzen oder Begrapschen.

„7,3% dieser Taten wurden von Flüchtlingen begangen“, weiß er, „das ist für die Betroffenen ohne Frage schrecklich und ich möchte die Taten auch nicht schönreden. Aber auch das wird von der Bevölkerung ganz anders empfunden und intensiv diskutiert.“

Felgentreus Fazit: Die Polizei werde auch weiterhin „hart dafür arbeiten, dass sich die Bewohner hier bei uns in der Region sicher fühlen“. Er betont aber auch, dass schon jetzt die Zahlen zeigen: Es ist in vielen Bereichen sicherer, als es der Einzelne möglicherweise empfindet.