„Durchblick“-prämiert: Gestern Mädchen, morgen Mann

Berlin/Lüneburg. Preis­gekrönt: Mit dem Beitrag über den Lüneburger Felix Rese gewann die Lünepost beim „Durchblick-Preis des BVDA den zweiten Platz. Darüber freute sich auch Felix: „Ich fühle mich gut bei dem Gedanken, mit dem Artikel anderen Mut zu machen, aus sich hera uszukommen. Der 2. Platz zeigt mir, dass das Thema größer wird und dass wir irgendwann nicht mehr als unnormal oder krank betitelt werden – ob schwul, lesbisch oder trans.“

Felix Rese mit einem Bild von früher Foto: sst

Hier noch einmal die komplette Story zum Nachlesen:

Auf dem Weg von Merle zu Felix

(von Jan Beckmann und Simone Steinbrenner)

Lüneburg. Felix Rese hieß nicht immer Felix. Er kam als Mädchen Merle zur Welt. Doch das passte nicht, das hat Merle schnell gemerkt. Sie wollte immer ein Junge sein. Jetzt, mit Mitte 20, ist es fast soweit. Die Lünepost begleitet Felix Rese auf seinem langen, schwierigen Weg von der Frau zum Mann – eine Geschichte über Ärzte-Marathons, Behördengänge und Operationen, über Mobbing am Arbeitsplatz und über die Liebe.

„Wenn ich morgens in den Spiegel schau‘, mir mit den Fingern durchs Gesicht fahre, kann ich die Bartstoppeln schon gar nicht mehr zählen. Es sind so viele, darüber bin ich so happy!“
Felix Rese (25) ist ein Mann. Mit selbstbewusstem Gang, breitbeinigem Sitz und kräftigem Händedruck. Doch wenn man mit ihm spricht, fällt einem die etwas hellere, leicht weibliche Stimme auf. Denn Felix Rese war nicht immer ein Mann. Bis voriges Jahr im Oktober galt er im Geburtenregister offiziell als „weiblich“ und wuchs als Merle auf. Aber das kleine Mädchen spürte schon im Grundschulalter, dass in ihm „etwas nicht so stimmig ist wie bei den anderen“.

Die Pubertät machte das Anderssein dann offensichtlich: „Das war eine furchtbare Zeit! Mir ging es oft psychisch schlecht. Ich konnte aber nie sagen, warum eigentlich. Ich habe lange versucht, mit dem Strom zu laufen, mich anzupassen. Ich lief in Mädchenklamotten rum – das fand ich gruselig!“

Felix litt als Teenager immer wieder unter Depressionen. Er schluckte Psychopharmaka, kam in die Psychiatrie. Immerhin: Halt fand er bei seiner Mutter, der älteren Schwester Anna und bei engen Freunden. Wer genau hinschaut, kann an seinen Armen die schweren Zeiten erkennen. Felix hat sich geritzt: „Wegen der Depression landete ich zweimal in der Klinik. Ohne Tabletten kam ich kaum zurecht, fühlte mich ständig elend, oft wusste ich nicht weiter.“ Mit einem Tattoo versucht der junge Mann heute, die Spuren zu verdecken.

Erst mit 20 kam Felix Rese die Erkenntnis: „Ich bin nicht das, was ich verkörpere und was andere in mir sehen.“ In dieser Zeit entstanden zunehmend Kontakte zu Menschen, die sich, wie er, ihrem Geschlecht nicht zugehörig fühlten: „Die Aussicht auf eine geschlechtliche Angleichung war plötzlich glasklar.“

Dann ging es los. Der erste Schritt auf dem Weg vom Mädchen Merle zum Mann Felix verlief ganz nüchtern und bürokratisch auf dem Amt: „Nachdem mein Antrag auf Namensänderung bewilligt wurde, fühlte ich mich wie neu geboren. Ich erinnere mich gut an den Tag im Januar, als ich meinen neuen Personalausweis in den Händen hielt – endlich war ich ‚komplett‘!“ Ab diesem Moment war Felix offiziell ein Mann.

Parallel zur Namensänderung startete wieder ein Marathon durch die Praxen von Ärzten und Therapeuten: „Ich brauchte diverse Gutachten, bevor ich die Hormonbehandlung starten durfte.“ Zunächst musste er sein Blut beim Endokrinologen untersuchen lassen und den Nachweis einer therapeutischen Behandlung erbringen.

Im Oktober 2016 dann ein weiterer einschneidender Moment auf dem Weg der Geschlechtsumwandlung, die medizinisch korrekt eigentlich Geschlechtsangleichung heißt: Mit Testosteron-Injektionen startete die Hormonbehandlung. „Bei der ersten Spritze, die mein Arzt mir verabreichte, ging mir ganz schön die Pumpe.“ Aber nicht vor Angst, sondern vor Freude: „Endlich bekam mein Körper das Hormon, das ihm fehlte! Auch wenn die ölige Lösung unter der Haut brennt. 1000 Milligramm Nebido brauche ich alle drei Monate – und solange ich es gut vertrage, mein ganzes Leben.“

Erste Erfolge stellten sich schnell ein: „Bei mir hat bereits die erste Injektion ausgereicht, meine Periode ist komplett weg.“ Anfängliche Nebenwirkungen wie Angespanntheit und Reizbarkeit sind ebenso verschwunden wie die Depressionen: „Mir geht‘s blendend, ich bin bei mir angekommen, körperlich kräftiger und selbstbewusster als jemals zuvor“, strahlt er.
Genauso schnell, wie sich innerlich eine Veränderung einstellte, wandelt sich Felix‘ Körper: Seine Brust entwickelt sich deutlich zurück, sein Gesicht verändert sich, ist markanter. Auch seine Gestik, seine Haltung, seine Mimik sind männlich – nur die Stimme verrät vielleicht noch ein wenig den weiblichen Ursprung.

Nach wenigen Monaten wuchsen Haare, an Armen, Beinen, Bauch und im Gesicht: „Ich muss mich bald wieder rasieren“, lacht Felix.

Auch „untenrum“ bewirkt die Spritzen-Therapie inzwischen einiges: „Durch die Hormone wächst meine Klitoris. Das tut manchmal echt weh. Doch die Vergrößerung der Klitoris dient zur Vorbereitung des bevorstehenden Penoidaufbaus“, haben ihm seine Ärzte erklärt.
Der endgültige Schritt von der Frau zum Mann, also von Merle zum „echten“ Felix, liegt noch in weiter Ferne. Wo operiert wird, weiß er noch nicht. Dass operiert wird, jedoch schon: „Ich will diesen Schritt gehen, allerdings nicht vor Ende des nächsten Jahres. Vorab lasse ich mir die Brust, oder besser gesagt meine Brustdrüsen, entfernen.“

Bei dieser OP werden auch schon die Gebärmutter, die Eierstöcke und die Eileiter entnommen. Über die Eingriffe hat Felix Rese sich genau informiert: „Die Scheide wird entfernt und verschlossen. Dann folgt der Aufbau eines Klitoris-Penoids. Dazu wird die Klitoris gestreckt, die Harnröhre verlängert und aus den kleinen Schamlippen wird quasi ein kleiner Penis geschaffen.“ Dieser ist sexuell erregbar, bekommt in einem zweiten Schritt eine Eichel-Nachbildung und eine Penisprothese samt Pumpe, mit der sogar Geschlechtsverkehr möglich ist. Beim Druck auf den künstlichen Hoden pumpen sich zwei Silikonstäbe im Kunst-Penis auf. „Der künstliche Penoidaufbau ist die komplizierteste Operation. Aber auch diese OP möchte ich“, ist Felix Rese sicher.

Dass der junge Mann mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit geht, ist ein mutiger Schritt. Immerhin lesen knapp 200.000 Menschen die Lünepost. Angst vor der Veröffentlichung seiner Geschichte hat der 25-Jährige nicht, obwohl er gerade erst übel diskriminiert wurde, deshalb sogar seine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit in Schwerin abbrechen musste. Zurück in Lüneburg erinnert er sich mit Grausen: „Es war fürchterlich! Ich musste da einfach weg.“ Zu Beginn verlief die Ausbildung noch relativ normal, „doch irgendwann riefen mir Typen aus dem zweiten Lehrjahr dann ständig Sätze entgegen wie ‚Der ist ja nichts Halbes und nichts Ganzes‘ oder ‚Der ist nur ekelig!‘“.

Die Anfeindungen wurden immer heftiger: „Wenn ich das Ausbildungszentrum betreten habe, standen die anderen mit abwertenden Blicken in der Raucherecke, haben sich zugeflüstert: ‚Da ist Es wieder …‘“

„Dummheit gibt‘s überall“, sagt Felix Rese heute und ist sicher: „In einigen Jahren werde ich stark genug sein, um einfach auf Durchzug zu schalten.“ Aber: „Momentan berührt es mich. Ich bin zwar selbstbewusster geworden, aber um jetzt schon standzuhalten, reicht es noch nicht.“

Er sagt, die nötige Toleranz sei längst nicht in allen Teilen der Gesellschaft angekommen: „Es wird leider noch zu viel hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen.“ Sein Appell: „Transsexualität darf kein Tabu-Thema sein. So wie mir geht es vielen jungen Menschen. Wer sich in seinem Körper nicht zu Hause fühlt, der darf auf keinen Fall an den Rand gedrückt werden!“

 

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Felix erlebt aber auch Offenheit und Toleranz – und er liebt wie jeder andere Mensch auch: „Für einige ist es schwer zu verstehen, wenn ich versuche zu erklären, wie mein Liebesleben früher ausgesehen hat und heute aussieht. Dabei ist es ganz einfach: Vor meinem Outing galt mein volles Interesse Frauen. Und auch jetzt als Mann liebe ich immer noch Frauen.“
So selbstbewusst, wie Felix Rese für seine Rechte und die Rechte Gleichgesinnter kämpft, verfolgt er seinen eigenen langen Weg von der Frau zum Mann: „Jede Veränderung, die ich an mir entdecke, erfüllt mich. Endlich bin ich komplett, endlich fügen sich alle Teile zusammen. Ich bin Felix“, strahlt der junge Mann, der früher einmal Merle hieß. Und dann streicht er sich wieder durch die Bartstoppeln …

Die Lünepost wird Felix Rese in den kommenden Monaten weiter auf seinem Weg zum Mann begleiten.

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