Lüneburg. Je länger die Corona­krise dauert, umso deutlicher ist es zu sehen: „Dem Herzen der Hansestadt geht es nicht gut“, das hat nicht nur Oberbürgermeister Ulrich Mädge festgestellt. Einzelhändler und auch immer mehr Filialisten schließen ihre Geschäfte. Am gestrigen Freitag waren alleine im Rundlauf Bäcker-, Schröder- und Grapengießerstraße 21 Ladenflächen verwaist. Und es werden wöchentlich mehr.

Dass sich etwas ändern muss, ist längst klar. Immer mehr Kunden wandern ins Internet ab, die Pandemie hat diesen Trend rasant beschleunigt. Mahnungen gibt es schon länger. So hatten unlängst einige Händler mit dem Lüneburger City-Management einen Denkanstoß geliefert. Am vorigen Donnerstag wurde der nächste Rettungsversuch in Angriff genommen – diesmal unter Federführung des OB. Er hatte Stadtgestalter, Händler, Gastronomen und Experten zur „Auftaktveranstaltung Innenstadtdialog“ ins Leuphana-Audimax und vor die heimischen Bildschirme geladen.

Drei Jahrzehnte führte Mädge vom Rathaus aus ein brummendes Kaufhaus Lüneburg. Gut ein halbes Jahr vor dem Ende seiner Amtszeit muss er nun miterleben, wie das Shopping-Paradies immer stärker kränkelt. Eile ist geboten, denn: „Abgestürzte Geschäftsstraßen bringt man nicht mehr nach oben“, warnte Prof. Dr. Thomas Krüger von der Hamburger Hafencity-Universität in seinem Vortrag. „Kein Mensch will vor Packpapier-Schaufenstern flanieren.“ Sein Ratschlag: „Gerade im Umbruch muss die Innenstadt belebt werden.“ Krüger dachte dabei an kreative Geschäftsideen, an Pop-up-Stores und auch an die Leuphana, die in kleinen Teilen von der Peripherie ins Zentrum ziehen könne. „Die Innenstadt muss wieder ein einzigartiger Ort werden. Ein zentraler Ort des Lebens, auch des wirtschaftlichen Lebens.“

Vertreter von Gastronomie und Handel schilderten auf dem Podium ihre Probleme. Randnotiz: Dass nur Männer geladen waren, fiel auf, soll aber reiner Zufall gewesen sein.
Buchhändler Jan Orthey laufen sprichwörtlich die Kunden weg: „Die Frequenz ist nicht mehr da. Die Mieten schon“, sagte er in Richtung Vermieter*innen. Cafébetreiber Christoph Meyer fehlt der Branchenmix: „Wer braucht acht Friseure und acht Nagelstudios?“, fragte er. Hotelier Marc Blancke sieht Wettbewerbsvorteile nicht genutzt: „Wir machen zum Beispiel nichts aus dem Sande.“ Und für die Kulturszene wünschte sich Axel Brambusch von Seiten der Stadt „Pragmatismus und Mut“. Die knackigsten Worte fand Heiko Westermann von Roy Robson: 45 Prozent Minus hätte sein Unternehmen in 2020 gehabt: „Eine dritte Welle werden wir nicht überleben“, machte er deutlich. Weil Kund*innen immer mehr „produktgetrieben“ seien und statt Spontankäufen in der Stadt lieber im Internet verglichen, könne der stationäre Handel nicht mehr mithalten. „Der Vermieter ist jetzt gefragt“, sagte auch Westermann. Er wünschte sich zudem, dass die Stadt flexibler agiere: „Verdichten geht manchmal nur versus Denkmalschutz“, nannte er ein Beispiel.

Wirtschaftlich, das war allen klar, müssen die Immobilienbesitzer*innen – von denen außer Westermann übrigens niemand auf dem Podium war – umdenken. Zeiten, in denen alle zehn Jahre der Mietvertrag erhöht und verlängert wurde, seien definitiv vorbei. „Eine Mietreduktion um 20, 30 Prozent wird kommen“, ist Prof. Dr. Krüger überzeugt. In Zukunft müssten Eigentümer*innen ihre Flächen aktiv bewirtschaften. Läden müssten verkleinert, obere Geschosse zu Wohnraum umgebaut werden. Lars Werkmeister, Chef der Lüneburg Marketing GmbH, verglich die Innenstadt mit einem Orchester – viele Musiker*innen klingen zusammen nur gut, wenn ein Dirigent den Takt vorgibt. Und dieser Taktgeber fehle in der Stadt.

Unter Federführung eines solchen Dirigenten möchte OB Mädge die vielen Aufgaben nun angehen. In der Münzstraße soll schon in Kürze das neue Innenstadtmanagement seine Räume beziehen. Als Innenstadtmanager hat Mädge einen langjährigen Wegbegleiter gewinnen können: Christoph Steiner, Ex-Chefredakteur der Landeszeitung und mittlerweile freier Autor der Lünepost, übernimmt vorerst für ein halbes Jahr als „Kümmerer“. Er wird personell unterstützt von Werkmeisters Marketing-GmbH. Gemeinsam wollen sie in Workshops und Gesprächen den Ist-Zustand erörtern und Handlungskonzepte erarbeiten.

Außerdem ist kurzfristig angedacht, Ladenflächen für Start-Ups anzumieten, Hauseigentümer*innen bei Umbaumaßnahmen und neue Mieter*innen bei Sanierungsarbeiten oder Erstausstattung zu unterstützen und einen Beirat Innenstadt mit den unterschiedlichsten Akteur*innen Lüneburgs ins Leben zu rufen.
Die Mittel für die kurzfristige Rettungsmaßnahmen kommen vom Land: 100 Millionen Euro liegen im Topf des Sofortprogramms „Restart“ für die niedersächsischen Innenstädte. Das Geld wurde den Bürgermeistern des Landes am Donnerstag in Hannover von Europa-Ministerin Birgit Honé zugesichert.