Lüneburg. Vor einem Jahr und einem Tag trat Claudia Kalisch ihr Amt als Lüneburger Oberbürgermeisterin an. Kaum im Rathaus angekommen, brach in der Ukraine der Krieg aus. Es folgten erst die neue Flüchtlings- und dann die Energiekrise. Auch Corona sorgte dafür, dass Kalisch mehr als Krisenmanagerin denn als Verwaltungschefin arbeiten musste. Über die schwierigen ersten zwölf Monate im Amt sprach sie im Interview mit Lünepost-Chef Jan Beckmann.

Lünepost: Frau Kalisch, die ersten 365 Tage Ihrer Amtszeit sind um. Haben Sie denn mittlerweile alle 259 Zimmer des Rathauses von innen gesehen?
Claudia Kalisch (lacht): „Nein. Natürlich bin ich mit anderen Vorstellungen in das Amt gegangen. Aber dann kam die neue Situation und dann musste man neue Prioritäten setzen. Ich versuche natürlich, im Haus herumzukommen. Aber das ist überhaupt nicht in dem Maße gelungen, wie es nötig gewesen wäre und ich es mir gewünscht hätte.“

Lünepost: Wie lautet denn Ihre persönliche Zwischenbilanz nach diesem ersten Jahr? Sind Sie Ihren eigenen Ansprüchen und Erwartungen gerecht geworden?
Kalisch (überlegt): „Meine Prioritäten musste ich komplett umsortieren. Im Moment bin ich Managerin von drei Krisen – Corona, die großen Energiethemen, die noch richtig Fahrt aufnehmen, und die Unterbringung von Geflüchteten. Eigene Themen und Projekte sind erstmal zweitrangig – gleichwohl muss man sagen, dass gerade die Energiewende und damit die Mobilitätswende nicht vom Tisch sind. Sie tragen langfristig ja auch mit zur Lösung der aktuellen Herausforderungen bei. Wenn Sie nach meiner Zufriedenheit fragen: Ich wäre zufriedener, wenn ich in der Stadtgesellschaft bereits präsenter hätte sein können. Das ist nicht gut gelungen und ich werde da jetzt auch gegensteuern. Sie werden sehen, dass man mich bald auch öfter sieht …“

Lünepost: Ihr Vorgänger hat mal gesagt, 18 Stunden am Tag ist er OB und den Rest nutzt er zur Erholung für den folgenden Tag. Ist das bei Ihnen ähnlich ­– und wieviel Zeit davon geht für die drei Krisen drauf?
Kalisch: „Es bleibt nicht viel für anderes. Das Krisenmanagement hat oberste Priorität. Das geht ja nun vielen Menschen so, die in diesen Zeiten Verantwortung tragen, in Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Kultur. Völlig unabhängig von politischer Ausrichtung.“

Lünepost: Oft werden Entscheidungen zu den genannten Themen sehr kritisch von Bevölkerung und Medien aufgenommen. Beispiele sind z. B. die Turnhallen-Belegung oder die Verschiebung des Skatepark-Neubaus. Die Kommunikation geriet dabei unglücklich. Bürger wie Leser monierten immer wieder ein intransparentes Handeln der Verwaltung. Hätten Sie manchmal gerne einen PR-Manager, der solche Krisensituationen wegmoderiert?Kalisch: „Ich muss da eines korrigieren: Den Skatepark haben wir nicht verschoben. Wir haben schlicht und ergreifend im ersten Anlauf kein wirtschaftliches Angebot auf die Ausschreibung bekommen. Nach erneuter Ausschreibung sind wir jetzt zuversichtlich, dass im kommenden Sommer die ersten Skater die Anlage nutzen können.
Zu Ihrer Frage: Wegmoderieren löst keine Probleme, aber die Kommunikation wird verbessert.“

Lünepost: Wie wollen Sie „Ihre“ Lüneburger denn künftig mitnehmen?
Kalisch: „Es geht auf jeden Fall darum, die Menschen mitzunehmen. Deswegen möchte ich die Möglichkeiten zum persönlichen Austausch stärken und auch Formate wie die Stadtkonferenz fortsetzen. Und einen intensiveren Austausch möchte ich auch zwischen uns, zwischen Verwaltung und Medien.“

Lünepost: Thema Verkehr: Mit der angesprochenen Veränderung der Parksituation in der Innenstadt haben Sie schon einen Schritt in Sachen Mobilitätswende unternommen. Was vielen Menschen aber fehlt, sind Lösungen für die weniger Mobilen. Statt mehr gibt es im ÖPNV weniger innerstädtische Verbindungen und die alten Stinker der KVG dieseln immer noch durch die Stadt. Was tun Sie denn für diejenigen, die nun nicht mehr mit dem Auto kommen können?
Kalisch: „Erstmal eins: Von den 125 Parkplätzen bleiben 80 erhalten.“

Lünepost: Ja, als Anwohnerparkflächen …
Kalisch: „Ja, aber dafür stehen die Anwohner woanders nicht. Der Parkraum ist ja weiterhin da. Also reden wir eigentlich nur über 45 Parkplätze. Dann zum ÖPNV, der ja Aufgabe des Landkreises ist: Da kann ich nicht viel mehr tun, als den Leuten zu sagen, da müssen wir weiter ran, um das Angebot gemeinsam mit dem Kreis zu verändern. Aber: Es ist nicht meine Zuständigkeit. Aber das Problem ist völlig klar.“

Lünepost: In großer Not befindet sich der Handel und damit die gesamte Innenstadt. Nach den vom Vorgänger installierten Popup-Stores ist nicht mehr viel passiert. Von der Zukunftsstadt hört und sieht man nicht viel. Und die Gelder aus den Töpfen für die „Resiliente Innenstadt“ werden verwendet für Projekte wie die Attraktivitätssteigerung des Ilmenau-Ufers. Können Sie Handelsvertreter verstehen, die sorgenvoll in die Zukunft schauen?
Kalisch: „Absolut! Die Sorgen sind nachvollziehbar. Wir investieren jetzt in den Glockenhof, und schaffen damit einen fast neuen Aufenthaltsraum. Darauf freue ich mich.
Nach wie vor ist es gut, dass wir den Innenstadtbeirat haben und wir als Stadtgesellschaft an dem Thema arbeiten. Das Problem kann man nur gemeinsam und mit innovativen Ideen angehen. Da haben wir schon gute Aktionen gemeinsam mit der Marketing GmbH. Im Übrigen gibt es Geschäftsinhaber, die zeigen, dass auch in schwierigen Zeiten mit Mut und Ideen enorm erfolgreich gearbeitet werden kann.“

Lünepost: Ist beim Marketing finanziell mehr machbar?
Kalisch: „Ich kann den Haushaltsgesprächen nicht vorgreifen. Aber wenn es nach mir geht, auf jeden Fall. Ich sehe die Notwendigkeit, die Marketing-GmbH auf solide finanzielle Beine zu stellen.“

Lünepost: Wie geht es denn eigentlich nach der Stadtkonferenz weiter, die Sie Ende April initiiert hatten?
Kalisch: „Wir haben die Punkte, die dort gekommen sind, sortiert und sind in Gesprächen, um die ersten Lösungsansätze in Arbeitsgruppen umzusetzen. Das kann die Verwaltung nicht alleine, das war ja auch nie das Ziel. Es ging in der Konferenz vor allem darum, Folgeprobleme zu identifizieren, Dinge vorab durchzudenken und sich mit verschiedenen Perspektiven auszutauschen und vorbereitend zu vernetzen. Ein Ergebnis war, unsere gemeinsame Haltung zu zeigen: wir schaffen das in Lüneburg. Unter dem Hashtag #LüneburgStehtZusammen wird dazu als erstes Ergebnis in Kürze eine Webseite online gehen.“

Lünepost: Ganz andere Frage: Frau Kalisch, wo haben Sie in Lüneburg gefeiert, als Sie z. B. an der Uni waren?
Kalisch (lacht): „Ich war auch auf dem Stint, hatte auch mein Bier im Rucksack dabei und habe die Flaschen dann wieder mit nach Hause genommen. Nur meinen Kassettenrekorder, heute Bluetooth-Box, hatte ich nicht dabei. Ansonsten war ich auf WG-Partys.“

Lünepost: Vamos, Garage & Co. sind Geschichte. Wo sollen die Studenten und jungen Leute heute noch hin? Mit den Lärmschutz-Auflagen erst für den Kultursommer, dann für den Stint und schließlich auch noch für das Uni-Gelände hat die Stadt sich wenig Freunde gemacht.
Kalisch: „Leise zu sein, heißt ja nicht, dass man nicht feiern darf. Man muss einfach den gesetzlich geregelten Lärmschutz akzeptieren. Klagende Anwohner bekämen wohl Recht – mit der Folge, dass dann möglicherweise gar nichts mehr stattfinden kann. Das habe ich mir ja nicht ausgedacht. Wir haben Streetworker, Ordnungsamt und Polizei am Stint gehabt. Ich bin da auch gewesen und wir haben in Gesprächen mit den Leuten viel Verständnis erfahren. Natürlich kann man dort keinen Disco-Ersatz finden. Es gibt keine Möglichkeit für junge Menschen, richtig feiern zu gehen. Aber auch da laufen Gespräche zu Möglichkeiten, mit Investoren und Betreibern so etwas in Lüneburg zu eröffnen. Ob es gelingt, kann ich nicht sagen. Ich hoffe, dass wir jemand Mutiges finden.“

Lünepost: Geht es wirklich immer nur mit Verboten und Verordnungen? Muss eine Oberbürgermeisterin sich nicht auch mal für ihre Bürger gerade machen?
Kalisch: „Und wenn dann eine Klage durchkommt, wird es möglicherweise gar nichts mehr geben. Am Stint geht es ja nur um die Musikboxen und ich finde, das ist ein tragfähiger Kompromiss. Ich würde da kein Risiko eingehen. Beim Kultursommer laufen aktuell Gespräche. Und man muss auch sagen, dass ich ohne Ende und massiv Anwohnerbeschwerden erhalten habe. Ziel der Stadt ist, das (den Kultursommer, Anm. d. Red.) zu unterstützen und allen Ansprüchen gerecht zu werden. Aber da kann ich noch nicht vorgreifen, weil das alles noch nicht in trockenen Tüchern ist.“

Lünepost: Ein anderes Thema Ihrer Agenda ist das Change Management. Ihr Vorgänger war ein Chef mit klaren Ansagen und hohen Erwartungen an die Mitarbeiter. Ihr Führungsstil ist ein gänzlich anderer. Wie läuft es?
Kalisch: „Change Management ist ein Prozess – und es geht sukzessive voran. Ich bin da durchaus gestärkt und ich finde, dass uns das in der aktuellen Situation ganz gut gelungen ist. Besser geht immer. Daran arbeite ich mit meinem Team. Wer mit der Faust auf den Tisch haut, der bewegt kurz die Tischplatte, aber meist keine Menschen. Ich möchte da, wo möglich, die Verantwortung an die Mitarbeiter abgeben, die das oft motiviert. Hohe Erwartungen an sie habe ich natürlich auch.“