Lüneburg. Alles zurück auf null: Der Prozess um die Schüsse, die am 4. April vorigen Jahres in Kaltenmoor fielen, wurde am Dienstag neu aufgenommen. Der Grund: Nach dem vierten Verhandlungstag am 1. November 2018 erkrankte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch länger. Daher muss der Prozess nun wiederholt werden.

Und so fanden sich am neuen ersten Verhandlungstag wieder alle ein, um zu klären, wer damals gegen Mitternacht in Kaltenmoor aus einem schwarzen Audi A5 heraus in eine Gruppe von sieben Personen geschossen hat und dabei Hüseyin O. in Bein und in Schulter traf. Das Opfer musste notoperiert werden.

Angeklagt sind nach wie vor Mohamed E., 23 Jahre, türkischer Staatsbürger, und Farrid M., 26 Jahre, staatenlos (Foto v. l.:  Mohamed E., sein Verteidiger Dirk Meinecke, Farrid M.s  Verteidiger Dr. Peter Wulf, Farrid M.).

Während Mohamed E. sich beim ersten Prozess in Haft befand – er hatte sich selbst wenige Tage nach der Tat gestellt –, ist er diesmal auf freiem Fuß. Im Verlauf des ersten Prozesses hatte sich der Verdacht des Mordversuchs nicht bestätigt – ein Gutachter hatte festgestellt, dass die Verletzungen von Hüseyin O. durch Querschläger und nicht durch direkte Schüsse entstanden waren. Außerdem bestanden aufgrund der Schmauchspuren Zweifel, dass von der Fahrerseite aus geschossen wurde.

Mohamed E. verweigerte am Dienstag die Aussage – wie schon im ersten Prozess. Nicht so Farrid M., dem vorgeworfen wird, als Beifahrer die Schüsse auf die Männergruppe abgegeben zu haben. Er wiederholte, was er im ersten Prozess überraschend zu Protokoll gab: „Ich war gar nicht im Wagen. Ich kann es nicht gewesen sein, denn ich wurde um ein Uhr nachts in Hamburg vom Zoll kontrolliert.“ Genau gesagt um 1.11 Uhr, das hatte Richter Kompisch danach recherchiert.

Ganz unmöglich ist es jedoch nicht, von Lüneburg nach Hamburg in dieser Zeit zu kommen. Doch Farrid M. habe den Abend mit Freunden in einer Shisha-Bar in Hamburg verbracht, wurde auf dem Rückweg eben vom Zoll durchsucht.

Kaum zu Hause, sei ein Anruf gekommen: „Es ist Scheiße passiert, eine große Scheiße!“ Er solle in ein Hostel in Hamburg kommen. Dort war u. a. sein Cousin Mohamed E.: „Er war in Schockstarre!“, erzählte M.

Auch dabei war Nelson L., „der kiffte wie verrückt“. „Alle waren aufgeregt, es war hektisch, voller Rauch“, erinnert M. sich. Sie erzählten die Geschichte, aber „alle durcheinander“.

Der Beifahrer habe geschossen. „Wer war das?“, hakte Richter Kompisch nach. „Dazu will ich nichts sagen“, antwortete M. „War die Waffe noch da?“ „Nein.“ „Haben Sie gefragt, wo sie war?“ „Nein.“ „Wie sind alle von Lüneburg nach Hamburg gekommen?“ „Weiß ich nicht.“ Der Richter kam mit seinen Fragen nicht weiter.

Wie’s weiterging am ersten Prozesstag, was das angeschossene Opfer und andere Zeugen sagte und wer sich vom Angeklagten „in eine Falle gelockt“ fühlte, ist in der LÜNEPOST von Mittwoch zu lesen.