Lüneburg. Auf der Altenbrückertorstraße in Lüneburg, zwischen Schröders Garten und Scholze-Kreuzung, bleiben seit Tagen immer wieder Passanten neugierig auf der Brücke stehen. Unter ihnen, auf dem flachen Wasser des Lösegrabens, dümpelt ein leuchtend-orangefarbenes, aufblasbares Paddelboot. Daneben ein vollbeladener Fahrradanhänger – und ein blonder Mann mit dichtem Bart und langen Haaren: Claas.

Er kommt aus Hannover und ist auf der Durchreise, erzählt er, während er sich am mitgebrachten Kaffee der Reporterin wärmt. In Lüneburg ist der Mittvierziger zufällig gelandet. Das war vor knapp zwei Wochen. Seither campiert er hier.

Nicht alles, was Claas erzählt, klingt schlüssig. Eigentlich, sagt er, will er an die Ostsee, nach Heiligenhafen. In einer Klinik erwartet man ihn dort zur Therapie. Warum, das will er nicht so genau erzählen. Er hatte es schon bis nach Hamburg geschafft, als es ihn dann irgendwie in die kleine Nachbar-Hansestadt Lüneburg verschlug. Wie und warum – auch das kann er der Reporterin nicht so richtig erklären. Jedenfalls: Als er aus dem Zug steigt, entdeckt er nach wenigen Metern den Lösegraben. Claas mag das Wasser, er hat im Fischereiwesen gelernt. Also bläst er sein Paddelboot auf und geht mitten in der Stadt vor Anker. Gestrandet. Unter einer Brücke, über die täglich zigtausenden Auto rauschen.

Irgendwann geht ihm das Geld aus. 15 Euro hat Claas noch in den Taschen seines dünnen Parka – viel zu wenig für eine Bahnfahrkarte an die Ostsee, weiß er. Und überhaupt: Wo soll er sein Boot und die anderen Habseligkeiten lassen? Also bleibt Claas und wartet. Worauf, das weiß er noch nicht. Er wartet einfach. Damit das mit Heiligenhafen irgendwie doch noch klappt. Der Reporterin erzählt er noch von einem Bekannten, der wohl in Bleckede lebt. Bei dem würde er seine Sachen gerne lassen, bevor er weiterzieht. Doch ob der alte Kumpel ihn unter der Brücke über den Lösegraben findet …?

Nach dem Treffen mit Claas hat die Lünepost die Sozial­arbeiter der Diakonie in Lüneburg eingeschaltet. Sie haben dem Gestrandeten ihre Hilfe angeboten.