Lüneburg. Die Verunsicherung war groß bei rund 15 Menschen mit Behinderungen in und um Lüneburg: Der Bardowicker Verein „Hilfe zur Selbsthilfe“, der seit über 40 Jahren körperlich behinderten Menschen mit Rat und Tat zur Seite stand, ging Ende vorigen Jahres in die Insolvenz. Und nicht nur die Menschen, die seine Hilfe in Anspruch nahmen, waren beunruhigt: Auch die beim Verein angestellten Assistenten wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Nicht nur, dass sie ihre Arbeitsstelle verloren – sie konnten sich auch kaum vorstellen, auf die oft über Jahre entstandenen Beziehungen in Zukunft zu verzichten.

Verein „Hilfe zur Selbsthilfe“

Eins dieser Teams, das bestens „matcht“, sind Elisabeth Winger und Julian Meier. Einmal in der Woche und zusätzlich einmal im Monat übers Wochenende unterstützt sie den spastisch gelähmten jungen Mann in allen Alltagsangelegenheiten. „Zuerst gab es eine Kennenlern-Phase“, erzählt die 38-Jährige. „Da konnten wir beide herausfinden, ob es passt oder nicht.“ Das tat es, und fortan war Winger im „Team Julian“.
„Früher haben sich meine Eltern zuhause in Barnstedt um mich gekümmert“, erzählt Meier, dessen Markenzeichen nach eigener Aussage „gute Laune“ ist. Dass das stimmt, bleibt niemandem im Gespräch mit dem gelähmten Mann verborgen. Julian Meier war eine Frühgeburt, kam bereits mit der Spastik zur Welt. „Aber mein Vater wird auch nicht jünger und ich nicht leichter“, lacht der 34-Jährige. Einige Zeit lebte er daher in einer WG. „Aber ich wollte gern eine eigene Wohnung.“ Im Jahr 2017 war es soweit: Er zog in ein Appartement in der Lüneburger Innenstadt. „Wir suchten damals intensiv nach einer Lösung, wie ich dort unterstützt werden kann“, erinnert er sich, „und kamen so auf den Verein ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘“.

Damals übernahmen Assistenten des Vereins tagsüber von 14 bis 20 Uhr und am Wochenende von 10 bis 20 Uhr die Betreuung – zwischen sechs und acht Assistenzen gehörten zum „Team Julian“. Morgens kommt eine Kraft vom normalen Pflegedienst, und von 10 bis 14 Uhr arbeitet Meier in der Lebenshilfe in Adendorf.
Seit Anfang 2022 ist Elisabeth Winger im „Team Julian“ . Sie ist begeistert von der Motivation des Mannes: „Was er alles macht, ich kann immer wieder nur staunen!“ Meier lacht: „Ich bin gern unterwegs, gern unter Menschen!“ Und auf den Mund gefallen ist er auch nicht. „Bei Radio Zusa war ich lange Co-Moderator beim Nachmittagsformat ‚Express‘, erzählt er. Mit seinem E-Rollstuhl ist er außerdem viel unterwegs, zum Beispiel sehr gern im Kurpark. Aber auch längere Reisen schrecken ihn nicht ab. Mit dem Zug sind der 34-Jährige und seine Assistentin schon nach Hannover gefahren. „Dort gab es eine Fortbildung zu Inklusion durch Sport“, erzählt Meier, „das war wirklich sehr gut!“

„Teamwerk“ aus Kiel übernimmt Verein

Auch für die Belange von Behinderten setzt der Rollstuhlfahrer sich aktiv ein – zum Beispiel als Mitglied im Behindertenbeirat von Stadt und Landkreis. Im Ehrenamt kann er eine Eigenschaft ausspielen, die ihm sehr wichtig ist: „Man darf niemals aufgeben!“ Dass er darin ein Meister ist, bestätigt Elisabeth Winger.
Soweit war Julian Meiers Leben also bestens durchorganisiert – bis die Nachricht von der Vereinsinsolvenz kam. „Für mich war klar, dass ich bei Julian bleiben möchte“, betont Winger. „Mein Vater und ich haben hin und her überlegt, wie es weitergehen soll“, blickt der 34-Jährige zurück auf die unsichere Zeit. „Wir haben auch überlegt, die Assistenzen selber anzustellen.“ Aber der Aufwand für die Organisation wäre von seinem Vater kaum zu leisten gewesen. „Es war eine schwere Zeit“, seufzt Meier, „wir haben uns mehrere Notfallpläne überlegt.“

Eine Lösung fand schließlich der damalige Vorstand des Vereins. Davon berichtet Bettina Krohn, die in Kiel das „Teamwerk“ leitet, eine etablierte Einrichtung, die Pflege­assistenzen zur Verfügung stellt: „Ich bekam einen Anruf vom Vorstand dieses Vereins“, erinnert sie sich. „Sie schilderten ihre Notlage: Dass womöglich mehrere Behinderte ohne Hilfe daständen. Und dass Personal da sei – nur eben nicht mehr beschäftigt werden könnte.“ Die Kielerin nahm sich nach der ersten Überraschung der Sache an: „Wir übernahmen sowohl die Angestellten als auch die Kunden, eröffneten ein Büro in Lüneburg.“ Für Elisabeth Winger und Julian Meier läuft seitdem fast alles wie vorher. „Nur etwas professioneller, strukturierter“, sagt Winger zu dem Glücksfall. Und Meier ist begeistert: „Ich war überrascht, wie schnell und lückenlos das mit der Übernahme klappte!“

Demnächst ist Julian Meier mehrmals „live“ zu erleben: Beim Europäischen Protesttag für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai wird er an einem Stand Fragen beantworten. Und am 10. Juni moderiert er auf den Sülz­wiesen beim inklusiven Solidaritätslauf.