Thomasburg. „Von Pontius zu Pilatus“, diese Redewendung kannte Susan Nowak noch nicht. Dabei lebt die Engländerin schon seit über 20 Jahren in Deutschland und spricht fast perfekt Deutsch. Von Pontius zu Pilatus bedeutete für die Thomasburgerin: von Notaufnahme zu Orthopäde zu Physiotherapie zu Röntgenarzt zu Schmerztherapeut zu Notaufnahme – und wieder von vorne …

Ihre Odyssee begann mit einem Sturz am 31. Januar: „Es war ein wunderschöner, sonniger Sonntag mit Schnee und Eis“, erinnert sich die 50-Jährige. Sie war mit ihrem Lebensgefährten und dem Hund nach einem Spaziergang schon fast wieder an ihrem Hause in Thomasburg angekommen. Doch dann stürzte Susan Nowak auf der glatten Straße und fiel auf die rechte Hand. „Ich wusste schon beim Knackgeräusch, dass es der Hand nicht gut geht.“ So war es. Und so ist es auch jetzt noch.

Ein Krankenwagen brachte sie ins Klinikum, dort wurde sie sofort operiert. „Einen Tag später wurde ich entlassen mit dem Hinweis, ich sollte mir einen Orthopäden suchen und dort so schnell wie möglich einen Termin holen.“ Leichter gesagt als getan: Nach dem sechsten Versuch fand sie endlich einen Orthopäden, bei dem sie zügig einen Termin bekam. „Der sagte, ich solle den Gips vier Wochen behalten.“

Doch nach zwei Wochen bekam sie Schmerzen in der Schulter. „Ich dachte, das käme vom Sturz und habe das dem Arzt auch geschildert. Er hat die Schulter geröntgt, aber da mit dem Knochen alles in Ordnung war, sagte er, er könne nichts tun.“
Die Schmerzen blieben.

Nachdem Susan Nowak den Gips nach vier Wochen endlich los war, wurden sie extrem: „Aber der Arzt sagte, das sei normal und ich sollte zur Physiotherapie gehen.“ Doch auch hier war es nicht leicht, kurzfristig einen Termin zu bekommen. Erneut musste sie viele Therapeuten abtelefonieren. Die Behandlungen machten es nicht besser: „Ich bin wirklich kein Weichei, aber die Schmerzen waren höllisch!“, erzählt die Susan Nowak. Ihr Bauchgefühl sagte ihr: „Da stimmt etwas nicht.“ Die Hand war dick geschwollen, die Haut schimmerte bläulich, die Nägel gelblich, es bildeten sich schwarze Haare.

Mittlerweile waren über sieben Wochen seit dem Sturz vergangen. Als es für die Engländerin immer unerträglicher wurde, riet die Physiotherapeutin zum MRT. „Ich habe bei meinem Hausarzt wegen der Überweisung angerufen, aber der sagte, ich müsste die vom Chirurg holen.“ Der wiederum sagte ihr, der Hausarzt könnte sie ausstellen. „Es war ein unendliches Hin und Her und es gingen wieder viele Tage verloren. Und kurzfristige Termine waren auch nicht möglich.“

Um die Schilderung der Odyssee von Susan Nowak nicht allzu lang werden zu lassen, hier nur ein kleiner Abriss: Nach MRT und Röntgen musste sie noch ein paar Tage auf den Befund warten. Dann hieß es, sie müsste zum Schulterspezialisten, der wiederum schickte sie sofort in die Notaufnahme des Klinikums Lüneburg. „Dort endlich bekam ich eine Diagnose: CRPS.“ Complex regional pain syndrom oder auch Morbus Sudeck wurde diagnostiziert. Diese Schmerzerkrankung kann nach Verletzungen an Armen, Händen, Beinen oder Füßen auftreten. „Eine Heilungschance gibt es kaum, man kann CPRS lediglich unter Kontrolle bekommen“, sagt die gelernte Krankenschwester, die inzwischen als Englischlehrerin arbeitet.

Mit der Diagnose folgte der zweite Teil ihrer Odyssee.

„Ich sollte so schnell wie möglich zum Schmerztherapeuten, weil die Erkrankung vor allem durch starke Schmerzmittel behandelt wird.“ Da es aber ein Freitagnachmittag war, musste sie zunächst zur Notfall-Hausärztin für die Rezepte. Dann folgte die Suche nach dem Therapeuten. „Wie bei den Orthopäden habe ich nach Schmerztherapeuten gegoogelt. Da es in Lüneburg keinen gab, bei dem ich kurzfristig einen Termin bekommen konnte, musste ich eine Woche später nach Hannover.“ Der Facharzt bestätigte die Diagnose. „Dann gab es noch ein Hin und Her, ob ich die Therapie stationär mache oder nicht.“ Sie musste erneut in die Notaufnahme, dieses Mal an der Medizinischen Hochschule in Hannover, zur Physio- und zur Ergotherapie. „Immer wieder hieß es: ‚Wir brauchen eine Überweisung für dies, eine Überweisung für das‘.“

Nach neun Wochen mit unerträglichen Schmerzen in Hand und Schulter, „erhielt ich endlich die ‚Cocktailliste‘ vom Schmerztherapeuten und musste dann nur noch einen Physiotherapeuten in Lüneburg suchen.“ „Nur noch“ ist gut – auch dafür musste die Engländerin viel telefonieren, um kurzfristig in Behandlung zu kommen. „Das erste, was der Therapeut sagte: ‚Es wäre besser gewesen, wenn Sie schon vor sieben Wochen gekommen wären.‘“

Susan Nowak ist seit ihrem Sturz krankgeschrieben. Die starken Schmerzmittel machen sie müde. Physio- und Ergotherapie drei- bis viermal die Woche strengen extrem an und rauben Zeit. Mit ihrer Geschichte möchte sie vor allem eins erreichen: „Ich möchte die Ärzte nicht kritisieren, aber ich möchte sie und meine Mitmenschen dafür sensibilisieren, dass es diese seltene Schmerzkrankheit gibt.“ Sie fand heraus: „Die Erkrankung kann vor allem Migräne-Patienten treffen.“ Sie selbst leidet seit 30 Jahren unter chronischer Migräne, das hatte sie den Ärzten auch gesagt. „Symptome wie Schmerzen, Schwellung der Hand, eine bläulich-lila Färbung, gelbliche Nägel und schwarze Haare sind so typisch für diese Erkrankung.“ Neben den Schmerzen fühlte sie sich aber auch alleingelassen: „Es war so frustrierend, dauernd neue Ärzte und Therapeuten zu suchen. Und selbst in akuten Situationen ist es nicht einfach, kurzfristige Termine zu bekommen.“

Die 50-Jährige selbst bekommt Unterstützung von ihrem Lebensgefährten, der ihr im Alltag hilft und sie überall hinfährt. „Aber was machen ältere Menschen oder diejenigen, die keine Angehörigen haben?“, fragt sie sich. „Wie allein müssen die sich in solchen Situationen fühlen?“ Ob Susan Nowak ihre rechte Hand oder den ganzen Arm je wieder zu hundert Prozent bewegen kann, weiß sie nicht: „Aber ich kämpfe, und jede kleine Verbesserung macht mir Mut.“ Und sie hofft, dass sie mit ihrer Geschichte andere vor diesem Schicksal schützen kann.