Linda Zervakis in Lüneburg: Eine Runde Ouzo fürs Publikum

Bühne statt Bildschirm: Am Sonntagabend sahen Hunderte Zuschauer Nachrichtensprecherin Linda Zervakis nicht in der Tagesschau, sondern bei ihrer unterhaltsamen Lesung in der Lüneburger Ritterakademie. Foto: t&w

Lüneburg. „Auch wenn es noch keine 20 Uhr ist, geht das, glaube ich: Guten Abend, meine Damen und Herren.“ In gewohnter Tagesschau-Manier begrüßte Nachrichtensprecherin Linda Zervakis am Sonntag, 19. November, um 18 Uhr ihr Publikum in der Lüneburger Ritterakademie.

Dort las sie aus ihrem Buch „Königin der bunten Tüte“. Darin gibt sie viele private Details aus ihrer Kindheit und dem Leben als Tochter in einer griechischen Gastarbeiter-Familie preis. Der Auftritt in Lüneburg war ihre vorerst letzte Lesung. Hunderte kamen und wollten Linda Zervakis zuhören.

„Das macht mich stolz“, sagte sie gleich zu Beginn. „Auch wenn ich es gewohnt bin, nur eine Viertelstunde zu sprechen, wird es heute wahrscheinlich etwas länger.“ Die witzige Seite der seriösen Nachrichtensprecherin kam bei den Zuhörern an.

Am Ende waren es zweimal 45 äußerst unterhaltsame und kurzweilige Minuten. Und das lag nicht nur an der Runde Ouzo, die Zervakis im Publikum verteilen ließ.

„Bevor ich erzählen kann, wie ich als Kind aussah, müssen wir uns mich erstmal schöntrinken“, flachste sie.

Tatsächlich wirkte die TV-Frau beim Lesen deutlich sicherer als beim freien Erzählen und so tat sie gut da­ran, viele Passagen aus dem Buch vorzutragen. Aber eben nicht alle, sodass sich viele Zuhörer noch vor Ort ein Exemplar kauften. Unzählige davon signierte Linda Zervakis in der Pause und nach der Show.

Vor der Lesung gab sie der LP noch ein Interview:

LP: Frau Zervakis, als Hamburgerin haben Sie es nicht weit nach Lüneburg. Ist das ein Heimspiel für Sie?
Zervakis: „Nein, dafür kenne ich mich hier zu wenig aus. Aber es ist schon schön, dass wir hier noch in Norddeutschland sind (lacht). Aber tatsächlich war ich schon häufiger in Lüneburg. Eine Freundin hat hier ihr Elternhaus und so waren wir ab und zu in der Disco ‚Garage‘. Auch zum Einkaufen ist Lüneburg total schön. Ich hätte hier gern Kommunikationswissenschaften studiert. Dafür war der NC damals aber leider zu hoch.“

LP: In 30 Minuten geht die Lesung los – haben Sie noch Lampenfieber?
Zervakis: „Ich weiß zwar, dass die Tour bisher überall gut angekommen ist, aber vor jedem weiteren Termin weiß man nie, wie die Leute an diesem Abend drauf sind. Das ist schon spannend.“

LP: War denn die erste Lesung oder die erste Tagesschau-Moderation aufregender?
Zervakis: „Beides war gleich schlimm (lacht). Bei der Tagesschau hatte ich enorme Ehrfurcht vor den unglaublichen Zuschauerzahlen und vor der Verantwortung, die ich dort übernommen habe. Meine Hände waren so feucht, dass ich Angst hatte, das Papier bleibt daran kleben, wenn ich drauffasse. Aber bei der Arbeit vor der Kamera bekomme ich nicht mit, ob sich der Zuschauer nebenbei noch ein Brot schmiert oder eine Cola holt. Das ist bei einer Lesung anders. Dort bekommt man die Reaktionen der Menschen direkt mit. Es ist eine andere Art Aufregung, die einen aber genauso mitnimmt.“

LP: Anfangs waren viele Menschen überrascht, als sie „die andere Seite“ der Linda Zervakis entdeckten …
Zervakis: „Ja, dabei bin ich ja die Linda, die auch gerne lacht und nicht alles so ernst nimmt. Bei der Tagesschau sieht man mich natürlich in einem eingeschränkten Raum. Und wenn von 15 Meldungen 13 Katastrophen sind, dann wirkt man vielleicht auch nicht sonderlich sympathisch.“

LP: Wie ist die Idee zu dem Buch entstanden?
Zervakis: „Ich war in der RBB-Radiosendung ‚Hörbar Rust‘ zu Gast und da haben wir auch über den Kiosk meiner Eltern gesprochen, um den sich heute mein Buch dreht. Dabei habe ich die ein oder andere Anekdote erzählt. Und so kam es, dass im Anschluss eine Lektorin vom Rowohlt-Verlag anrief und fragte, ob ich nicht ein Buch schreiben wolle. Ich war nicht sicher, ob ich das kann und ob es überhaupt genug Anekdoten gibt. Aber nach einem Treffen mit meiner Familie war schnell klar: Es gibt genug für zwei Bücher (lacht).“

LP: Also gibt es bald noch eine Fortsetzung der „Königin der bunten Tüte“?
Zervakis: „Könnte sein. Mal schauen, ob die Zeit es zulässt.“

LP: Weil auch Ihr Mann und die zwei Kinder etwas von Ihnen haben wollen?
Zervakis: „Mit den Sendezeiten habe ich Glück: Nach der Frühschicht bin ich schon um 10.30 Uhr zu Hause. Abends muss ich erst um 18 Uhr los. So können mein Mann und ich uns gut einteilen, wer die Kinder z. B. in die Kita bringt und abholt. Aber natürlich versuchen wir auch so viel Zeit wie möglich als Familie zu verbringen. Und im Beruflichen hat die Tagesschau ganz klar Priorität. Das Schreiben ist eher ein Hobby.“

LP: Das Hörbuch zum Buch haben Sie selbst eingesprochen. Fiel Ihnen das wieder leichter als die ersten Lesungen?
Zervakis: „Ja, schon. Aber ein wenig ärgere ich mich, dass das Hörbuch vor der Lesetour aufgenommen wurde. Denn von Auftritt zu Auftritt findet man immer noch mehr Nuancen, die man verändert. Und vielleicht würde ich es jetzt etwas anders einsprechen als damals …“

LP: Sie gehen im Buch sehr humorvoll mit der Migrationsgeschichte Ihrer Familie um. Hat die Ihren Blick auf die Flüchtlingssituation geprägt?
Zervakis: „Ja, da vergleicht man. Es liegt bei meinen Eltern zwar schon lange zurück, ich bin hier geboren. Aber das Thema Integration ist nach wie vor aktuell. Damals wurden die Gastarbeiter meist sich selbst überlassen. Und trotzdem waren meine Eltern dankbar. Diese Einstellung haben sie auch an uns Kinder weitergegeben. Für die Flüchtlinge wird heute viel getan. Das ist eine Chance.“

LP: Frau Zervakis, vielen Dank für das Gespräch!