Lüneburg. Der erste Blick fällt immer auf die Bilder. Wer das Büro von Dieter Borchardt im Lünepost-Haus am Lüneburger Sande betritt, der muss seinen Blick erstmal über die vielleicht eineinhalb Quadratmeter große Sammlung von Fotos wandern lassen. Dutzende Schnappschüsse hängen da als Collage an der Wand, viele davon noch in Schwarz-Weiß. Sie beschreiben die Geschichte des Blattes auch ohne Worte bestens – aber vor allem die Geschichte seines Machers Borchardt.

Da ist die blutjunge Ingrid Steeger mit einer LP-Titelseite, da ist die Nahaufnahme von Tina Turner bei ihrem legendären Flugplatz-Konzert, da ist DJ Ötzi beim Konzert im Vamos, da ist Russlands Startenor Alexander Dedik, der „Pavarotti des Ostens”, bei einem seiner vielen Besuche in der Stadt. Und da ist natürlich immer wieder Dieter Borchardt selbst in seiner Paraderolle als Netzwerker und genialer Verkäufer.

45 Jahre alt wurde die Lünepost in diesem Jahr. 40 Jahre und einige Monate entstand das Blatt unter der Regie von „Bo”, wie ihn im Verlagshaus eigentlich alle nennen.

Die Ausgabe am 28. Dezember 2020 ist die letzte, in der er als Produktleiter weit oben im Impressum steht. Borchardt verabschiedet sich in den Ruhestand. „Irgendwann muss ja mal Schluss sein”, hörte man den mittlerweile 75-Jährigen zuletzt immer häufiger sagen.Aber wer Dieter Borchardt kennt, der weiß: Vorbei heißt nie komplett vorbei.

Denn der Radbrucher ist eigentlich schon längst in Rente. Vor zehn Jahren wurde der Abschied mit einer großen Party im damaligen Comodo am Schrangenplatz gefeiert. Als Prokurist und Anzeigenleiter von Landeszeitung und Lünepost hatte Borchardt dem Verlag viele erfolgreiche Jahre beschert.

Sein „Baby“ war aber immer die LP. Das Blatt und „sein Team“ lagen ihm am Herzen.

Daher blieb er ihnen auch nach seinem offiziellen Renteneintritt treu. Mehrmals in der Woche ließ er sich im Verlagshaus am Sande blicken. Täglich brachte er neue Themen und Ideen.
Und Ideen hatte er viele, vor allem gute: so wie die Karaoke-Wettbewerbe, die Leserreisen, die Service-Stars, die Model-Aktionen – und natürlich die Lünepost-Weihnachtskonzerte.

Seit drei Jahrzehnten holt Borchardt die großen Stars der russischen Klassik-Szene in die Region. Entstanden ist die Konzertreihe einst aus einer Benefiz-Aktion, die „Bo” mit der NDR-Hörfunklegene Herbert Fricke binnen weniger Tage aus dem Boden gestampft hatte.

Schade, dass ausgerechnet in Borchardts Abschiedsjahr das Coronavirus wütet und die längst bis ins Detail durchgeplanten (und natürlich ausverkauften) Konzerte ausfallen mussten.

Aber wie gesagt: Vorbei heißt nie komplett vorbei.

„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?” ist auch so eine Floskel, die er immer dann fallen ließ, wenn er mal wieder seine Meinung geändert hatte (und damit bei den Kollegen genervte Blicke verursachte). Daher ist es jetzt schon klar, dass „Bo” auch 2021 wieder zu den Lünepost-Weihnachtskonzerten in den Bardowicker Dom laden wird. Auch das von ihm entwickelte Golfmagazin „Green” wird der passionierte Hobbygolfer weiter betreuen.

Die Lünepost jedoch wird künftig ohne „Bo” entstehen. Aber nicht ohne den Namen Borchardt: Auf manchen Bildern in seinem Büro ist ein junges Mädchen zu sehen. Es ist seine Tochter Jenny, die nun auch schon seit ein paar Jahren Mitglied der Redaktion ist.