Walmsburg. In diesem Jahr verläuft Heiligabend bei Andrea Funcke aus Walmsburg alles andere als besinnlich. Als sie eine ihrer vier Schafherden besucht, entdeckt sie ein verletztes Tier: Sein linkes Hinterbein ist unnatürlich gekrümmt, Blut klebt auf dem Fell des sieben Monate alten Gotländischen Freigangschafes. Für die Schafhalterin aus Leidenschaft ein Anblick, der ihr in der Seele wehtut. Sie muss das Tier von den Qualen erlösen lassen, auch wenn es ihr nicht leicht fällt. Andrea Funcke ist sicher: Nicht Wölfe haben das Schaf gerissen, sondern ein freilaufender Hund.

„Ich habe morgens zwischen 9 und 10 Uhr lautes Jagdgebell von Hunden gehört“, erzählt sie. Das sei an sich nichts Ungewöhnliches. Denn Hundebesitzer und Spaziergänger lieben das Naturparadies am Walmsburger Werder direkt an der Elbe – dort stehen auch ihre rund 50 Gotländischen Schafe. „Doch als ich einen Hund schreien hörte, weil er wohl an den wolfsabweisenden Stromzaun meiner Schafherde gekommen ist, wusste ich, dass da etwas nicht ganz normal ist.“

Sie steigt auf den Deich, um zu schauen, was los ist. „Dabei habe ich Autos an meiner Weide parken sehen, obwohl das dort verboten ist. Als ein Wagen wegfuhr, bin ich davon ausgegangen, dass der Hund – wie es öfter der Fall ist – um die Schafe gehetzt und gegen den Zaun gekommen ist und daher endlich von seinem Halter eingefangen werden konnte. Der ist dann weggefahren.“

Zunächst sei sie beruhigt gewesen und habe die Tiere an den anderen Standorten versorgt. Erst am späten Nachmittag fährt sie mit dem Rad zur Herde am Walmsburger Werder – Luftlinie etwa 1000 Meter von ihrem Hof. Dort entdeckt sie ihr schwerverletztes Schaf. „Die Sehnen des Hinterbeins waren durchgebissen. Keine kleine Verletzung, der Hund muss mehrmals nachgefasst haben“, weiß die erfahrene Tierhalterin. Auf die Schnelle an Heiligabend einen Tierarzt zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. „Ich hätte das Schaf mit dem Auto in die Tierklinik nach Hannover fahren können. Doch das Leiden wäre damit verlängert worden.“ Da ein anderes Schaf schon einmal solch eine Verletzung hatte, weiß sie: Das Tier muss fachgerecht getötet werden. „Denn das Schaf hätte sich nicht weiter auf drei Beinen ohne weitere Folgeschäden fortbewegen können – und vor allem ohne zu leiden.“ Was Andrea Funcke vor allem aufregt: „Der Hundehalter hat ein stark verletztes und leidendes Lamm zurückgelassen, ohne sich weiter darum zu kümmern. Er hätte beim ersten Haus im Dorf klingeln können, jeder kennt mich hier und meine Schafe.“

Die zuständige Wolfsberaterin Ulrike Kressel sagt: „Ich kenne Fälle von anderen Schäfern, die auch Probleme mit freilaufenden Hunden haben, die in die Herde einfallen und Tiere reißen.“ Sie hat von dem toten Tier eine DNA-Probe genommen, die zur weiteren Ermittlung zur Verfügung steht.

Für Andrea Funcke ist es nicht das erste Mal, dass ein Schaf von einem Hund gerissen wird: Seit 2007 lässt sie ihre Schafe zur Landschaftspflege am Walmsburger Werder weiden. „In dieser Zeit wurden mehr als 20 Tiere von Hunden gerissen. Meine Schäden sind durch Hunde immer noch weit aus größer als durch Wölfe.“ Deswegen bittet die Schafhalterin, die selbst auch Hundebesitzerin ist: „Ich habe nichts dagegen, dass Hunde frei laufen. Aber die Besitzer müssen die Tiere unter Kontrolle haben und jederzeit einschreiten können. Sie müssen einfach Verantwortung zeigen!“

Die Walmsburgerin hat bei der Polizei Anzeige wegen Tierquälerei erstattet.