Lüneburg. Unter großer Medienbegleitung ist am Donnerstag vor dem Lüneburger Landgericht der Prozess um das getötete Baby von Bardowick gestartet.
Kameras klicken und Blitze zucken im großen Saal des Lüneburger Landgerichts, als Pia G., die Mutter und als Mörderin des Babys angeklagte 22-Jährige, den Raum in Handschellen betritt. Hinter einer Aktenkladde versteckt sie ihr Gesicht, bis Fotografen und Kameraleute die Verhandlung verlassen. Schnell wird klar: Hier geht es nicht nur um ein Kapitalverbrechen, sondern auch um ein persönliches Drama. Denn anders als nach dem Fund des kleinen Leichnams, als die Auszubildende nach Schilderungen eine Kripobeamtin noch ungerührt und unbeteiligt gewirkt hatte, ist sie nun sichtlich mitgenommen. Nach 45 Minunten unterbricht Richter Franz Kompisch das erste Mal – die Angeklagte braucht eine Verschnaufpause und neue Taschentücher.

Zuvor hatte Verteidiger Moritz Klay ihre Erklärung verlesen: Demnach habe seine Mandantin die Schwangerschaft bis zur Geburt komplett verdrängt. Auch sei sie bis zu ihrer Verhaftung noch nie beim Frauenarzt gewesen. Pia G. sei im August 2019 nachts mit Bauchschmerzen ins elterliche Badezimmer. „Ich saß auf der Toilette, als plötzlich dieses Kind aus mir herauskam“, zitiert Klay die junge Angeklagte. Das Neugeborene habe leblos gewirkt, wie es da an der Nabelschnur gehangen habe. Dann habe die Mutter die Nabelschnur durchtrennt, den kleinen Körper in ein Handtuch gewickelt und in eine Plastiktüte gepackt. An Details könne seine Mandantin sich nicht erinnern, sie sei „wie in Trance“ gewesen.

Die Staatsanwaltschaft sieht den Fall ganz anders: Sie wirft der Bardowickerin vor, den kleinen Jungen erwürgt und weggeschafft zu haben, um ihr Leben ohne Verpflichtungen weiterzuführen – und um ungestört weitere Intimpartner zu suchen. „Ungehemmte Eigensucht“, heißt es in der Anklageschrift.

Ein Jahr lang blieben die Tat und der Leichnam danach verborgen, bis im Sommer 2020 ein Freund der Familie bei Malerarbeiten im Garten zwei blaue Müllsäcke entdeckte. „Ich dachte, in den Tüten sind Gartenabfälle. Aber plötzlich rollte dieses Baby aus den Handtüchern“, berichtet der Mann immer noch fassungslos. Bis heute macht ihm der Fund zu schaffen. Er hat den Kontakt zur Familie abgebrochen.
Wo das tote Kind ein Jahr lang gelegen hat – und warum das renommierte Gerichtsmedizinische Institut am Hamburger UKE lange behauptete, der Junge sei erst kurz zuvor getötet worden, ist weiter unklar. Denn zum Zeitpunkt des Fundes war Pia G. schon wieder schwanger – in der 27. Woche. Demnach musste die Geburt schon deutlich länger her gewesen sein, als vom UKE festgestellt.

Auch vor Gericht macht die mit dem Fall betraute Rechtsmedizinerin keine sonderlich gute Figur. So kann sie sich nicht daran erinnern, dass die Angeklagte ihr an einem Teddybären demonstriert hatte, wie sie den Säugling erstickt hatte. Das jedoch bekräftigt die ermittelnde Kommissarin vor Gericht wiederholt. Es ist wohl nicht die einzige Ungereimtheit bei der Untersuchung im UKE.

Vor drei Monaten hat Pia G. ihr zweites Kind bekommen. Es wächst beim Vater auf. Pia G. sitzt weiter im Frauengefängnis in Vechta. Montag ist sie wieder in Lüneburg. Dann wird der Prozess fortgesetzt.