Wendisch Evern. Der Traum von einem Sportpark Ostheide an der Grenze zwischen Wendisch Evern und Lüneburg wird mehr und mehr zum Alptraum – für den LSK, der dort seine neue Heimat finden wollte, für die Mitglieder des Wendisch Everner Gemeinderats und nicht zuletzt für das Dorf selbst. Das wurde während der Ratssitzung am Donnerstagabend deutlich, als die „Aussprache zum Sportpark Ostheide“ auf der Tagesordnung stand.

Das Thema lockte einige in die Mehrzweckhalle. „So viele Teilnehmer haben wir selten“, bemerkte Bürgermeister Clemens Leder (CDU). Der größte Teil der Zuhörer waren Kritiker des Sportpark-Projekts an der Ostumgehung, das der LSK im Oktober vorgestellt hatte (LP berichtete). Zufrieden nahmen sie zur Kenntnis, wie sich während der Aussprache einige zuvor optimistische Ratsmitglieder nun gegen das Projekt stellten.

Der Sinneswandel einiger Ratsleute hat wohl mehrere Gründe.

Das zeigte u. a. das Statement des SPD-Fraktionsvorsitzenden Joachim Sellschopp: Anfangs sei er dafür gewesen, das Projekt „wohlwollend zu begleiten“. Schließlich sei das noch keine Baufreigabe, sondern nur die Bereitschaft, die Planungen zu verfolgen. Doch: „Dann habe ich mich gefragt: Kann man da bauen? Sind die Probleme lösbar? Kann der Sportpark Vorteile für die Gemeinde haben? Sind wir Herr des Verfahrens? Welche Begehrlichkeiten wecken wir bei der Stadt? Welche Auswirkungen hat das Projekt auf unsere Landwirtschaft?“

Erschreckend: Manche Ratsmitglieder berichteten von massiven Beleidigungen und Bedrohungen seit Bekanntwerden der Sportpark-Pläne!

„Das Thema hat im Ort hohe Wellen geschlagen“, erklärte Leder, „und die Diskussion wird sehr emotional geführt.“ So gebe es neben nachvollziehbaren Bedenken auch „Anschuldigungen, die man so nicht hinnehmen kann“. Der Bürgermeister: „Wenn es persönlich wird, ist das nicht lustig!“ Auch seine CDU-Kollegin Gudrun Teickner sowie Svenja Arndt und Prof. Dr. Norbert Schläbitz (beide SPD) berichteten von Bedrohungen aus unterschiedlichen Richtungen.

Beim neutralen Beobachter sorgte das Statement von CDU-Ratsfrau Barbara Onken für Irritationen: „Anfangs war ich dem Sportpark gegenüber aufgeschlossen. Dann bin ich von Bauern eingeladen worden. Seitdem kann ich nur sagen: ‚Kein LSK!‘“ Was aus dem Gespräch zu ihrem Umdenken geführt hatte, blieb Onken den Zuhörern in der Sitzung schuldig. Ihre Einlassung lässt aber erahnen, welches Gewicht das Wort einzelner im Dorf hat.

Auffällig: Auch bei einem anderen, neuen Argument gegen den Sportpark Ostheide spielt ein Landwirt eine Rolle.

Und dieser Punkt sorgte für besonderes Erstaunen – vor allem bei Unterstützern, die sich vom Sportpark neue Trainingsmöglichkeiten für die Sportler aus dem Ort erhofften. Eine Ackerfläche, die an den Sportplatz des SV Wendisch Evern grenzt und um die sich die Vereinsführung seit Jahren für einen zusätzlichen Trainingsplatz vergeblich bemühte, soll nun plötzlich doch zur Verfügung stehen. Und das, obwohl das Verhältnis zwischen Landwirt und den Klubbossen in der Vergangenheit dem Vernehmen nach hauptsächlich von Zoff geprägt sein soll. Nicht wenige wittern hinter dem kurzfristigen Angebot Taktik, um den Sportpark zu verhindern, andere nehmen sogar das Wort „Erpressung“ in den Mund.

Gudrun Teickner beteuerte, dass es bereits im Frühjahr Gespräche dazu gegeben habe. Bürgermeister Leder erklärte allerdings auf eine Einwohnerfrage hin, dass es sich dabei „derzeit um nicht mehr als eine Nebelkerze“ handele. Bitter für den SV: Obwohl die Verantwortlichen das Projekt konstruktiv begleitet hatten, wird ihr Verein jetzt zum Spielball.

Neben dem Einfluss der Bauern und diversen Pöbeleien ist auch sachliche Kritik aus der Bevölkerung Grund für die teilweise Kehrtwende im Rat:

Die Gemeinde hatte Handzettel verteilt und um Rückmeldung gebeten. Rund 250 Fragebögen kamen zurück, davon gut 220 mit Kritik. Bei 1750 Einwohnern sind das gerade einmal rund 13 Prozent. Zu viel, meint dennoch Martin Peters (SPD), nach 43 Jahren im Rat dienstältestes Mitglied: „Die Bedenken machen mir zu schaffen. Ich habe nicht mit dieser Resonanz und so vielen ernst zu nehmenden Einwänden gerechnet.“ Vor allem die Sorgen der Anwohner von Gut Willerding, die ihr Idyll gefährdet sehen, bedrückten ihn. Peters gab zu bedenken: „Auch Lärm, der im Gutachten später als unbedenklich eingestuft wird, kann die Wohnqualität beeinträchtigen.“

Und dann lieferte auch noch die Stadt Lüneburg eine Steilvorlage für die Ablehnung in Wendisch Evern.

„Ich sehe uns nicht nur in der Verantwortung für das Dorf, sondern für die Region“, wandte sich Rainer Leppel (SPD) an die Ratskollegen, „denn schon beim Einkaufen sind wir auf die Region angewiesen. Und Annehmlichkeiten wie SaLü, Stint oder den Fernbahnhof in Lüneburg nehmen wir gerne an.“ So habe er auch bei der Anfrage des LSK zunächst an die Region gedacht. Aber: „Ein Landwirt hat mir bestätigt, dass die Stadt ihm am Bilmer Berg 60 Hektar Land abgekauft hat. Die Stadt kann und muss dort ‚ihren‘ Verein unterbringen!“ CDU-Frau Teickner ergänzte, sie habe aus der Lüneburger CDU gehört, der LSK sei in der Stadt nicht gewollt, „weil er kein Geld bringt, die Stadt aber dringend Geld braucht“. Die Ansiedlung von Gewerbe sei da lukrativer …

Im Dorf befürchten einige, die Lüneburger – allen voran Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) – wollten die Verantwortung für den LSK von sich weisen.

Umso mehr bedauerte die Wendisch Everner SPD-Fraktion, dass es am Donnerstag nur zu einer Aussprache und nicht schon zu einem Beschluss kam, wie sie beantragt hatte: „Solange wir uns nicht einigen, wird die Stadt auf ihren Flächen Fakten schaffen, um dann zu argumentieren, es sei kein Platz in Lüneburg für den LSK. Solange wir nicht handeln, werden wir behandelt“, meinte Rainer Leppel.

Clemens Leder hielt dagegen, wegen der A 39 könne die Stadt das Areal am Bilmer Berg noch gar nicht beplanen. „Im Hanseviertel Ost stehen ja aber auch noch einmal 50 Hektar zur Verfügung“, platzte es daraufhin aus Gudrun Teickner heraus.

SPD-Mann Sellschopp ließ sich zu Spekulationen hinreißen: „Ich glaube den LSK-Vertretern alles, was sie aktuell sagen. Doch haben wir die Sicherheit, dass wir in ein paar Jahren noch dieselben Ansprechpartner haben und dieselben Worte gelten? Was ist, wenn der LSK etwa aus Finanznot später doch auch andere Veranstaltungen im Sportpark zulassen will?“

Bei all der Kritik gingen diese optimistischen Wortbeiträge fast unter:

Prof. Dr. Schläbitz war „noch nicht negativ eingestellt“. Die Gemeinde brauche kulturelle Angebote, um auch in Zukunft neue junge Bewohner zu locken: „Solch ein Sportpark kann einen positiven Effekt haben.“ Auch Hagen Richter (CDU) sagte: „Ich denke nach wie vor, man kann etwas aus dem Projekt machen. Ich hätte heute mit ‚ja‘ gestimmt, denn wir können doch selbst für ausreichend Auflagen sorgen.“

Christian Striepe, Fraktionsvorsitzender der CDU, ist noch unentschieden: „Ich wollte im Rat mitwirken, um den Ort zu gestalten. Es geht doch hier nicht nur um den LSK, sondern auch darum, wie sich Wendisch Evern entwickeln will.“ Er plädierte dafür, die Diskussion nicht zu schnell zu beenden und erreichte, dass 1000 Euro zusätzlich in den Gemeindehaushalt 2021 eingestellt wurden – für eine professionelle Podiumsdiskussion. Hagen Richter versuchte schließlich zu beruhigen: „Vielleicht sollten wir alle die nächste Zeit nutzen, um emotional wieder ein wenig runterzukommen.“

Dem schloss sich Bürgermeister Leder an: „Wir sollten alle noch einmal in uns gehen, wieder mehr auf Fakten als auf Emotionen hören und müssen wohl noch eine Menge Aufklärungsarbeit leisten.“

Das wäre sicher auch im Sinne des LSK: Dort hat man zur Kenntnis genommen, „dass eine noch Anfang November erkennbare Mehrheit für das Projekt im Rat offensichtlich zumindest in der Sitzung am 26. November nicht mehr bestand“, teilte LSK-Präsident Sebastian Becker am Tag darauf auf Anfrage mit. Beim LSK sei man davon überzeugt, „dass dieses Projekt für sehr viele Menschen und Institutionen in der Region und gerade auch in Wendisch Evern – nicht nur für den Lüneburger SK – erhebliche Vorteile bringen wird“. Sachliche Gründe, die zwingend gegen das Projekt sprechen würden, seien Becker & Co. bisher nicht benannt worden. „Sie sind aus unserer Sicht auch nicht vorhanden“, meint der LSK-Präsident, „wir gehen daher davon aus, dass der Stimmungsumschwung im Rat nicht zuletzt auch durch die Art und Weise der Diskussionsführung im Ort in den vergangenen drei Wochen verursacht wurde.“

Der LSK habe für den Sportpark Ostheide zuletzt „überwältigenden Zuspruch“ erhalten: aus Stadt, Landkreis, aber eben auch aus Wendisch Evern. „Wir sind davon überzeugt, dass auch in Wendisch Evern eine deutliche Mehrheit dem Projekt positiv gegenübersteht, und hoffen, dass diese Mehrheit zukünftig auch in der öffentlichen Diskussion über dieses Projekt besser sichtbar wird, als dies bisher der Fall war“, sagt Sebastian Becker. Der LSK werde an seinen Plänen festhalten und in den kommenden Wochen zu Gesprächen einladen.

Vor allem die wenigen, lauten Kritiker sorgten wohl für eine Spaltung im Dorf. Martin Peters und Gudrun Teickner brachten daher erneut einen Bürgerentscheid ins Gespräch.

Den müssten jedoch Anwohner auf den Weg bringen. „Das wäre die sauberste Sache“, meinte Peters und glaubt, so wieder Ruhe ins Dorf zu bekommen. „Aber damit stehlen wir uns auch ein Stück weit aus der Verantwortung …“ Bezeichnend waren die Worte von Svenja Arndt: „Wendisch Evern ist mein Dorf. Ich möchte hier keine Veränderung – aber ich habe auch Angst, der Dorfentwicklung im Wege zu stehen …“