Lüneburg. Die Mutter wollte ihren Ohren nicht trauen: Mit dem Bus sollen Zehntklässer der Lüneburger Herderschule nach den Herbstferien zur Sporthalle gefahren werden. Das erzählte ihre Tochter ganz beiläufig am Mittagstisch. Die Mutter stutzte: „Wo ist denn da die Logik, mit dem Bus zum Schulsport?“, fragt sie. Hintergrund ist, dass die Turnhalle Im Grimm nicht zur Verfügung steht, sie wird zur Notunterkunft für Flüchtlinge umgebaut (LP berichtete). Nicht nur die Grundschüler der benachbarten Hermann-Löns-Schule, sondern auch viele Herderschüler nutzen diese Halle zusätzlich zur eigenen. Doch diese wird gerade saniert und steht auch nicht zur Verfügung. „Ein Teil der Herderschüler wird mit dem Bus zum Lünepark gefahren. Ein anderer Teil nutzt für zwei Tage die Woche die Sporthalle der Grundschule Kreideberg und an drei Tagen die im MTV-Sportpark“, bestätigt Stadtsprecherin Suzanne Moenck. Und; „Die Hermann-Löns-Schule kann ab Montag die Sporthalle in Ochtmissen nutzen.“ Hierfür sei ein Shuttle mit der KVG eingerichtet worden. In einer Infoveranstaltung für Eltern und Anwohner will die Stadt mehr sagen. „Es wird einen Termin voraussichtlich in der dritten September-Woche geben, der auch in Kürze bekanntgemacht wird“, sagt die Sprecherin.

Sorgen machen sich neben den Eltern auch die Vertreter der Lüneburger Sportvereine: „Angesichts von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sind wir solidarisch, tragen das mit“, betont Jörn Lucas, Geschäftsführer des MTV Treubund Lüneburg – auch wenn die Hallenschließung die erfolgreiche Rollkunstlaufsparte des MTV heimatlos macht.
Aufgeschreckt hat die Klubs aber die Nachricht aus dem Rathaus, dass die Stadt bald womöglich noch fünf weitere Hallen als Unterkunft nutzen will. „Die Vereine waren entsetzt. Sie haben davon aus der Zeitung erfahren“, sagt Philipp Meyn, Vorsitzender des Kreissportbundes (KSB). Jörn Lucas vom MTV beklagt sogar, dass Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch seit ihrer Wahl im Oktober 2021 noch gar nicht mit den großen Vereinen gesprochen habe.

Am Montag trafen sich nun Vertreter des KSB und der größten Vereine mit Stadt und Landkreis. Sie machten auf ihre Nöte aufmerksam und fragten: „Wo gibt es Lösungen?“
„Ohne Dreifeldhalle werden Handball, Hockey und Hallenfußball de facto abgeschafft!“, ist MTV-Chef Lucas alarmiert. „Das reißt eine tiefe Wunde in den organisierten Sport.“ Er warnt: „Ohne Hallenzeiten sind Wettkampfsport und Training nicht mehr möglich. Dann verlieren wir Sportler und Mitglieder. Dann ist ein lebendiger Organismus wie der Sport tot!“ Eine Sorge, die auch Philipp Meyn teilt: „Hallenschließungen führen zu Mitgliederrückgang“ – und das, wo die Vereine noch mit den Auswirkungen der Pandemie kämpften und die steigenden Energiepreise neue Sorgen auslösten. Meyn, der auch für die SPD im Stadtrat sitzt und als Landtagskandidat antritt, vermisst eine Suche nach Alternativen: „Sporthallen sind nicht optimal.“ Für Jörn Lucas ist klar: „Ohne Suche nach Alternativen weitere Hallen zu nutzen, dagegen wird es erbitterten Widerstand geben!“ Denn: „Wettkampfsport ist unsere DNA. Wir reden über unsere Existenz!“ Der MTV, gegründet 1848, sei älter als die Bundesrepulik – „das werden wir in die Waagschale werfen“, kündigt er an.

Weitere Hallenschließungen seien momentan nicht vorgesehen, beruhigt Suzanne Moenck: „Wir arbeiten intensiv an Lösungen, um eine weitere Notunterkunft in einer Sporthalle zu verhindern.“ Doch sind denn bereits alle Unterkünfte voll? Nicht ganz: „Die Hansestadt unterhält insgesamt sechs Gemeinschaftsunterkünfte und eine Notunterkunft am Wilschenbrucher Weg. Derzeit sind in allen Unterkünften ca. 85 Plätze frei – 602 sind belegt“, erklärt Moenck. „Mit den Zuweisungen, die wir im September noch erwarten, sind alle Plätze in diesen Unterkünften und noch darüber hinaus ausgeschöpft. Daher ist die Errichtung der Notunterkunft in der Turnhalle erforderlich.“ Die Lage sei sehr dynamisch, es sei schwer zu prognostizieren, wie viele Personen tatsächlich wann genau unterzubringen sind.

Im Grimm laufen derweil die Umbauten. Dort gibt es 28 „Zellen“ mit je vier Betten. „Wir stellen 100 Betten, versuchen aber, pro Zelle nur eine Familie unterzubringen, so dass wir vielleicht 80 Menschen aufnehmen“, sagt Sebastian Prigge, Bereichsleiter in der Gebäudewirtschaft bei der Stadt. Betten, Matratzen und Schränke sind bereits vorhanden, Lampen, Tische und Stühle kommen noch. „Die Zellen sind mit einer feuerfesten Plane voneinander getrennt, eine feste Holzkonstruktion war aufgrund des Hallenbodens und der Lieferengpässe nicht möglich.“ Die LP wollte wissen, ob vielleicht die Theodor-Körner-Kaserne oder die Deerberg-Halle, in der bis vor kurzem noch das Impfzentrum untergebracht war, als Alternativen genutzt werden könnten. „Die Kaserne war keine Notunterkunft der Stadt, sondern wurde vom Land als Erstaufnahmeeinrichtung eingerichtet“, klärt Moenck auf. Und die Deerberg-Halle stehe ihren Informationen nach nicht zur Verfügung.

Im Grimm werden nun Flüchtlinge aus Sumte im Amt Neuhaus untergebracht. Dort betreibt der Landkreis eine Zwischenunterkunft. Rund 500 Betroffene leben derzeit hier, bis zu 700 finden dort Platz. „Sumte war von Anfang an – seit März – so geplant, möglichst viele vorläufig aufzunehmen, die dann in die anderen Kommunen verteilt werden“, sagt Katrin Holzmann, die Sprecherin beim Landkreis. „Seit März“ – das betont Holzmann mehrfach – wüssten die Kommunen demnach schon, dass sie für eigene Unterkünfte sorgen müssen. Philipp Meyn sagt, bereits im März habe es einen entsprechenden Auftrag an die Verwaltung gegeben – doch noch immer gebe es keine Container. „Ich vermisse einen Aufruf an Vermieter oder ähnliche Aktionen, bevor man sagt: ‚Wir nehmen fünf Turnhallen‘.“

Diesen Aufruf hat die Stadt nun gestartet: „Wir gehen jedem Hinweis aus der Bevölkerung nach Unterkünften nach“, sagt Sebastian Prigge. Man suche nach umbaufähigen Industriehallen, prüfe Flächen für Container, frage Hotels und Wohnungsanbieter ab und will privaten Vermietern einen Bonus zahlen. Für MTV-Chef Jörn Lucas kommt diese Initiative ziemlich spät. Er sagt, schon im März habe man der Stadt Räume im Vereinsheim sowie die bald frei werdende Sportkita am Hockeyplatz zur Nutzung als Unterkunft angeboten – „Reaktion war ein freundlich-interessiertes Kopf­nicken.“ Danach habe man nichts mehr aus der Verwaltung gehört. Sein Eindruck: „Es werden nur einfache Wege gesucht.“