Lüneburg. „Langsam sind wir wirklich so verzweifelt, dass wir gar nicht mehr weiter wissen.“ Mit dramatischen Worten schildern Mitarbeiterinnen einer Jugendhilfeeinrichtung aus Lüneburg ihr Leid. Sie haben Angst vor einer Corona-Infektion – denn obwohl sie Tag für Tag in bedürftigen Familien wichtige Arbeit leisten, liegt ein Impftermin in weiter Ferne. Der Grund: Sie sind eingestuft in Prioritätengruppe 3, müssen daher noch warten.
„Wir haben das Impfzentrum kontaktiert, die Gefahr geschildert und darum gebeten, unsere Arbeit mit der von Erziehern gleichzusetzen“, erzählen die Sozialpädagoginnen. Denn die Erzieher sind längst geimpft, ebenso viele Lehrkräfte. „Es geht uns keinesfalls darum, dass wir uns vordrängeln möchten oder Angehörigen der Gruppe 2 eine Impfung nicht gönnen“, heißt es im Hilferuf der Mitarbeiterinnen an Lüneburger Lokalpolitiker, „dennoch stellt sich uns die Frage, welche Risiken wir noch eingehen müssen, um anerkannt zu werden.“

Für die Familienhelfer beginne ein Arbeitstag mit dem Besuch einer Familie. Dort helfe man bei der Versorgung eines Säuglings, ziehe das andere Kind an und bringe es im eigenen Wagen in die Kita – wo dann noch die Windeln gewechselt werden. Danach Termin in einer Obdachlosenunterkunft für Familien, nachmittags bei einer minderjährigen Schwangeren samt Arztbesuch – und abends muss auch noch ein drogenabhängiger Vater in den Entzug gebracht werden – wieder auf engstem Raum im Privatwagen.

„Natürlich tragen wir während unserer Arbeit FFP2-Masken und desinfizieren uns regelmäßig die Hände. Aber Ziel – und auch klarer Auftrag – unserer Arbeit ist es nun mal, Kontakt aufzunehmen und ihn nicht zu vermeiden“, berichten die Sozial­pädagoginnen, „wir gefährden täglich uns selbst und als mögliche Überträger neben unseren Klienten auch unsere eigenen Familien.“ Dass dieses Risiko nicht berücksichtigt werde, können sie nicht verstehen. Zumal sie nun erfahren hätten, dass Beschäftigte des Jugendamtes bereits geimpft wurden – auch, wenn diese im Homeoffice arbeiten. Sogar Mitarbeiter eines Bauhofes aus dem Landkreis, die in Kitas Hausmeister­tätigkeiten ausüben, seien schon dran gewesen.

Die Reihenfolge der Impfungen ist in einer Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums festgelegt. Zuständig für das Impfzentrum in Lüneburg ist der Landkreis. Sprecherin Urte Modlich erklärt: „Nicht das komplette Jugendamt wurde geimpft, sondern eine bestimmte impfberechtigte Gruppe.“ Diese Personen seien zuvor intensiv geprüft worden: „Dabei wurde u. a. unsere Betriebsärztin hinzugezogen.“ Zudem seien die Mitarbeiter nur zeitweise im Homeoffice, „an anderen Tagen jedoch im Rahmen ihrer Tätigkeit unterwegs.“ Auch Innendienstler habe man geimpft, sie hätten aber ähnlich intensive Kontakte wie die Kollegen.

Und die Mitarbeiter aus dem Bauhof? Modlich: „Diese Frage können wir nicht beantworten.“ Erklärung: „Die Träger der Einrichtungen sind dafür verantwortlich, Impfberechtigte auf eine Namensliste zu setzen.“ Die Verunsicherung der Familien-Helferinnen kann die Sprecherin verstehen: „Wir können den Wunsch durchaus nachvollziehen. Dennoch müssen wir uns an die Impfreihenfolge halten, die nicht wir festlegen, sondern das Bundesgesundheits­ministerium.“

Doch eine Lösung ist in Sicht: „Wir kommen mit den Impfungen so gut voran, dass wir damit begonnen haben, die nächste Prioritätsstufe vorzubereiten. Dazu werden wir in Kürze mit den Jugendhilfeeinrichtungen Kontakt aufnehmen“, verspricht die Landkreis-Mitarbeiterin.