Weihnachten hinter Gittern

So nah und doch unerreichbar: Während Lüneburger und Besucher sich mit Freunden und Familie auf dem Weihnachtsmarkt und an der Krippe aufs Fest einstimmen, sitzen nur wenige Meter weiter Straftäter allein hinter Gittern. LP-Reporter Ben Boles war bei der Weihnachtsfeier der Insassen dabei. Foto: sta

Lüneburg. Es war eine Weihnachtsfeier der besonderen Art, an der ich jetzt teilnehmen durfte: Im Untersuchungsgefängnis am Lüneburger Marktplatz versammelten sich am Donnerstag fast alle Häftlinge, Justizbeamte und ehrenamtliche Helfer, aber auch Angehörige von Häftlingen zu gemeinsamem Kaffee, Kuchen und Weihnachtsplätzchen.

Mein „Johnny Cash“-Konzert vor etwa einem Monat an gleicher Stelle war wohl nicht nur mir positiv im Gedächtnis geblieben, sondern auch innerhalb der Gefängnismauern. Man lud mich ein, nicht nur musikalisch daran teilzunehmen und trotz meiner „Verkleidung“ mit Weihnachtswichtel-Mütze wurde ich prompt von vielen Häftlingen wiedererkannt.

Im Gegensatz zu meinem ersten Besuch ist dieses Mal im ganzen Haus richtig viel Betrieb und erstaunlich viel Wachpersonal am Start.

Während sich vor ein paar Wochen nur eine Handvoll Beamtinnen und Beamte auf den Gängen tummelte, sind es heute knapp zwanzig. Dabei ist es gar nicht so selbstverständlich, dass es eine solche Feier hinter Gittern gibt, wie mir Gefängnis-Pastor Carsten Junge verrät.

Gerade in einem Untersuchungsgefängnis sei das großer organisatorischer Aufwand. In Lüneburg sitzen drei Kategorien von Häftlingen ein: Tatverdächtige, bei denen entweder Verdunkelungs-, Flucht- oder Wiederholungstatgefahr besteht. Da hat besonders beim Thema Verdunkelung der Staatsanwalt ein Wort mitzureden, ob und mit welchem Besuch Häftlinge reden dürfen.

Das tut der weihnachtlichen Stimmung und der Vorfreude auf die Feier jedoch keinen Abbruch. Alle wirken entspannt und ich erlebe eine große Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft beim Herrichten des Flurs zum „Festsaal“.

Eine Etage höher finden sich im Gemeinschaftsraum, der auch als Kapelle und Konzertsaal verwendet wird, Häftlinge mit Familienbesuch ein und es spielen sich herzzerreißende wie -erwärmende Szenen ab. Freude, Erleichterung, Sehnsucht, Liebe, Angst, Sorge und Traurigkeit füllen den Raum und machen es mir schwer zu singen. Ich bin zutiefst ergriffen. Man spürt, dass diesen Menschen jede gemeinsame Sekunde kostbar ist, daher will ich gar nicht länger stören.

Nach der musikalischen Stipp­visite dort geht es wieder runter zur „Hauptfeier“. Hier ist mittlerweile alles festlich geschmückt und der heiße Kaffee dampft schon in den Tassen. Nach einem Weihnachtslied entscheide ich mich dafür, mit „Ring of fire“ noch mal für ein bisschen Mitsing-Atmosphäre zu sorgen, was auf großartige Resonanz stößt.

Die Truppe ist gut drauf. Bei „With or without you“ von U2 bekommt Insasse Uli feuchte Augen. „Bei dem Lied habe ich mit zwölf Jahren meine erste große Liebe kennengelernt“, sagt er leise zu mir. Gänsehaut.

Nach dem Minikonzert geselle ich mich einfach dazu und sitze plötzlich mitten zwischen Häftlingen und Ehrenamtlichen.

Mein Sitznachbar Peter, der montags mit Insassen musiziert und ihnen spirituellen Beistand bietet, berichtet mir von Härtefall-Erlebnissen. Von Häftlingen, die aufgrund ihrer Drogensucht immer und immer wieder straffällig werden und das teilweise seit fast dreißig Jahren. Von Menschen, die sich in „unserer“ Welt jenseits der Mauern nicht mehr zurechtfinden. Ich lasse den Blick in die Runde schweifen und spüre, was er meint.

Da sitzen Häftlinge, die was weiß ich an Taten verübt haben, gemeinsam mit ihren Betreuern und spielen zusammen „Mensch ärgere Dich nicht“. Andere wiederum lauschen den Liedern von Xung Pascal van Nguyen und seinem Bruder Duc René vom Duo „Jukebox Unplugged“, die nicht nur heute, sondern auch regelmäßig bei den Gottesdiensten im Haus für stimmungsvolle Musik sorgen.

Jonas kommt zu mir und bedankt sich für die Musik. Er ist pensionierter Beamter, ehrenamtlicher Antistress-Trainer und hat selbst eine polytoxe Drogenkarriere in jüngeren Jahren hinter sich. Diese Erfahrung lässt ihn heute leichter Zugang finden zu „seinen Jungs“. Er weiß, wovon sie sprechen, wie sie sich fühlen, was in ihnen vorgeht.

Und wie allen anderen Betreuern merkt man ihm – neben der Leidenschaft und dem Willen, den Insassen wirklich zu helfen – auch eine große Wärme und Menschenliebe an.

Das ist es, was mich in dieser Runde am meisten beeindruckt und bewegt. Hier sitzen Menschen mit Menschen. Und für einen Moment zählen nicht Tat, Schicksal, dunkle Vergangenheit und ungewisse Zukunft. Jetzt und hier sind alle einfach nur Mensch. Weihnachten, das Fest der Liebe? Für diesen kurzen Moment ist es tatsächlich greifbar. Auch wenn kurze Zeit später jeder wieder seiner eigenen Wege geht.

Meiner führt mich Gott sei Dank wieder raus durch das schwere Eisentor ins Freie. Nach dem bunten Weihnachtsmarkt-Treiben gegenüber auf dem Marktplatz, nach Glühwein-seligkeit und „Oh, du fröhliche“ ist mir jetzt gar nicht mehr. Und doch klingen mir die Worte eines Häftlings besonders nach: „Weihnachten ist immer wieder schön.“