Lüneburg. Am 16. Juni 2019 wurde der damalige Bleckeder Bürgermeister, Jens Böther (CDU), als Nachfolger von Manfred Nahrstedt (SPD) zum Landrat des Landkreises Lüneburg gewählt. Am 1. November trat er seinen Dienst an. Es folgten bewegende Monate, u. a.
mit Arena und Corona. Im Lünepost-Sommerinterview spricht Böther über seine ersten Monate im Kreishaus und darüber, was er noch bewegen möchte.

LÜNEPOST: Herr Böther, seit November sitzen Sie im Landratsbüro. Gab es den einen Moment, in dem Sie das Gefühl hatten, so richtig angekommen zu sein?
Jens Böther: „Den einen Moment gab es nicht – das ist eher ein Prozess gewesen, der aber schon seine Zeit gedauert hat. Aber heute bin ich angekommen!“

LÜNEPOST: Im LP-Interview direkt vor der Wahl waren die bestimmenden Themen die Arena, die Elbbrücke, der Wohnungsbau und die Bahntrassenführung. Doch schon wenige Wochen nach Ihrem Amtsantritt dominierte Corona alles. Geraten die genannten Themen dadurch in den Hintergrund?
Böther: „Wir sind an allen Themen dran, aber sicher teilweise mit anderer Intensität als geplant. Das Thema Elbbrücke zum Beispiel ist von der Corona-Situation überhaupt nicht beeinflusst. Hier haben wir ein Unternehmen beauftragt, das die Planung vorantreibt.“

LÜNEPOST: Wie ist denn der aktuelle Stand beim Thema Elbbrücke?
Böther: „Momentan werden die Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren erstellt, im nächsten Jahr sollen sie fertig sein. Dann bringen wir den Antrag auf den Weg, um anschließend in das eigentliche Verfahren zu gehen und die Baugehmigung für die Brücke zu erwirken.“

LÜNEPOST: Wie beurteilen Sie momentan die Chance, dass die Brücke kommt?
Böther: „Selbstverständlich gut! Wir würden ja nicht in den Planungsprozess hineingehen, wenn wir die Chance nicht sehen würden. Es ist bestimmt kein einfacher, aber ein realistisch absolut möglicher Prozess.“

LÜNEPOST: Als Sie das Landrats-amt übernahmen, steckte der Bau der Arena gelinde gesagt in der Krise: Kosten explodierten, grobe Planungsfehler kamen ans Licht. Wie war es für Sie, dieses Erbe zu übernehmen?
Böther: „Das war eine Herausforderung, diesen laufenden Prozess, zu übernehmen, der ja in der öffentlichen Wahrnehmung und auch der tatsächlichen Durchführung nicht optimal gelaufen ist. Aber ich wusste, was auf mich zukommt, und hatte mich schon vorher darauf eingestellt.
Sicher waren schon mal schwierige Situationen dabei, aber das gehört zu meinem Job!“

LÜNEPOST: Es kommt immer wieder zu umstrittenen Entscheidungen. Ein Beispiel ist die Anmietung teurer Parkplätze, die ein Jahr lang leerstehen …
Böther: „Ja, aber die Entscheidung ist gefallen. Dass man die Dinge nicht alle vorher geklärt hat, verbessert letztendlich bei Verhandlungen die Ausgangssituation nicht …“
Lünepost: Steht denn jetzt das Verkehrskonzept für die Halle?
Böther: „Es ist noch nicht alles fertig, aber die Dinge, die wir umsetzen wollten, stehen. Bei den geforderten 400 Parkplätzen sind wir allerdings noch nicht.“

LÜNEPOST: Sind Baufortschritt und Finanzen im Plan?
Böther: „Wir bewegen uns derzeit in dem finanziellen Budget, das wir von der Politik bekommen haben. Aber der Bau ist noch nicht durch und es gibt nach wie vor Risiken – finanziell und zeitlich. Es gibt heute keine Garantie, dass ich sage, wir landen genau an dem Tag mit dem Geld. Im Moment steht aber das Ziel, im Sommer nächsten Jahres fertig zu sein.“

LÜNEPOST: Thema Bahntrassenführung: Hier favorisierten Sie voriges Jahr den Verlauf an der Autobahn 7 entlang. Wie ist der Stand?
Böther: „Momentan führt die Bahn eine Sensitivitätsprüfung durch. Der Suchraum geht auch bis hinter die A7. Diese Zielrichtung ist also nicht vom Tisch. Die Untersuchung wird ergeben, ob das eine realistische Chance ist. Unsere Forderung ist, dass eine Trasse, die zwischen Hamburg und Hannover verläuft, in einem geordneten Raumordnungsverfahren gefunden wird. Man kann sich bei der Entscheidung nicht auf die Ergebnisse eines Forums berufen.“

LÜNEPOST: Befürchten Sie, dass die gewählte Trasse den Landkreis zerschneiden könnte?
Böther: „Es gilt auch, Gesamt-Norddeutschland in den Blick zu nehmen. Diese kleinräumige Suche – machen wir das nun durch Lüneburg oder knapp an Lüneburg vorbei – ist für mich einfach zu kurz gegriffen bei dem, was wir eigentlich vorhaben beim Schienenausbau in Deutschland: nämlich eine zügige Verbindung zwischen den Metropolen.“

LÜNEPOST: Ein weiteres wichtiges Thema vor der Wahl war für Sie der Klimaschutz? Wie sieht es damit aus?
Böther: „Wir haben einiges angeschoben: Wir werden einen Radverkehrsmanager einstellen. Wir werden den ‚European Energy Award‘ einführen, ein Zertifizierungssystem für den Landkreis. Wir beschäftigen uns mit dem Thema Wasserstoff. All das ist in den Anfängen. Meine Amtszeit geht ja noch ein bisschen länger …“

LÜNEPOST: Apropos Wasserstoff: Mit Ihrer Idee, statt eines Neubaus die Elbfähre Amt Neuhaus nur mit einem neuen Motor auszustatten und den Kauf einer neuen Fähre, evtl. mit Wasserstoffantrieb, zu verschieben, setzten Sie sich bei Teilen des Kreistages ganz schön in die Nesseln. Sie ruderten schließlich zurück. Welche Schlüsse haben Sie aus dieser Erfahrung gezogen?“
Böther: „Das ist für mich jetzt auch keine ganz neue Erfahrung. Letztendlich ist die Überlegung ja nicht falsch gewesen. Diese Rückmeldung habe ich von vielen Menschen bekommen. Mit Blick auf die Situation, also mit dem Geld, das wegen Corona weniger zur Verfügung stand, war das alles vernünftig. Letztlich hat sich aber daraus insgesamt eine ganz andere politische Diskussion ergeben, da der Prozess schon länger lief. Vielleicht habe ich die Sensibilitäten unterschätzt, die damit verbunden waren. Mein eher pragmatischer Ansatz wurde im Gegensatz zu dem Signal, das der Landkreis in Sachen Klimaschutz setzen wollte, nicht in erster Reihe gesehen. Das ist soweit okay für mich. Nun haben wir einen guten Kompromiss gefunden. Bei der weiteren Prüfung ist auch meine Alternative aufgenommen.“

LÜNEPOST: Gleich zu Beginn Ihrer Amtszeit wurde ein neues Buskonzept vorgestellt, erarbeitet wurde es noch unter der Leitung Ihres Vorgängers. Stehen Sie hinter diesem Konzept?
Böther: „Es gibt sehr viele gute Ansätze. Wenn ich die Verbindungen in die Fläche sehe, mit den Rufbussen und auch mit der Verstärkung der Hauptachsen, das hat sehr gut funktioniert. Es gab allerdings sehr viele Detailfragen, die sich aus bestimmten Routen in der Stadt ergeben haben. Tatsächlich war das das Thema, zu dem ich anfangs die meisten Mails bekommen habe. Das ist eine Baustelle, an der noch gearbeitet und die im Mobilitätsausschuss diskutiert wird.“

LÜNEPOST: Der ÖPNV gehört zu den Bereichen, die von Corona mit am stärksten betroffen sind. Noch immer sind die Busse ziemlich leer. Besteht die Gefahr, dass durch Einnahme-Einbußen in Zukunft bestimmte Strecken weniger bedient werden?
Böther: „Nein, ich bin mir sicher, dass das nicht passiert. Es wird einen von Bund und Land finanzierten Notfallfonds für diesen Bereich geben. Ob das ausreicht, um die Verluste zu egalisieren, wissen wir noch nicht. Wir reden hier von Millionenverlusten. Aber nach wie vor ist unser Ziel, die Leute vom Auto in die Busse zu bekommen – da ist mit Sicherheit nicht die richtige Antwort, die Angebote zu reduzieren.“

LÜNEPOST: In letzter Zeit entstand manchmal der Eindruck, dass die Kommunikation zwischen Kreis- und Rathaus, also zwischen Ihnen und Oberbürgermeister Ulrich Mädge, nicht ganz so reibungslos wie früher funktioniert. Wie sehen Sie das?
Böther (lacht): „Ich glaube, wir hatten selten einen so intensiven Austausch zwischen Gemeinden, Landkreis und Hansestadt wie in den letzten Monaten. Wegen der Corona-Diskussion haben wir oft mehrmals wöchentlich zusammengesessen, um uns zum Beispiel über Kitas und Schulen abzusprechen. Das war ein sehr intensiver Prozess.
Wir haben natürlich auch nicht ganz einfache Themen auf dem Zettel derzeit, zum Beispiel die Neuverhandlung des Lüneburg-Vertrages, der die Beziehungen zwischen Stadt und Kreis regelt. Da geht es um viel Geld. Wir greifen beide zum Telefonhörer, wenn wir etwas haben, und ich gehe auch spontan mal rüber ins Rathaus oder wir verabreden uns. Ich denke, dass wir da ein vernünftiges Arbeitsverhältnis haben. Ich habe den Eindruck, das wird manchmal in der Öffentlichkeit skeptischer gesehen, als es zwischen uns beiden gesehen wird.“

LÜNEPOST: Anderes Thema: Um Corona kommen wir natürlich nicht herum. Haben Sie am Anfang gedacht, dass es unser Leben so heftig beeinflussen wird?
Böther (spontan): „Nein. Dass es so auf Dauer und auch perspektivisch beeinflusst wird, das hätte ich nicht gedacht. Wie die Wenigsten, glaube ich. Es wird auch auf Dauer viele Bereiche geben, die sich verändern.“

LÜNEPOST: Wie wirkt sich Corona auf das Kreishaus mit seinen über 700 Mitarbeitern aus? Es war – und ist – ja alleine durch die Arbeit des Gesundheitsamtes besonders belastet.
Böther: „Es ist einfach klasse, wie die ganze Mannschaft hier mitgezogen hat. In allen Bereichen haben die Mitarbeiter mitgezogen mit Wochenenddiensten, auch abends hat niemand auf die Uhr geguckt, um alles hinzubekommen.
Wir haben auch Homeoffice intensiv genutzt, das wird auch weiterhin ein Thema sein. Und wir haben Techniken eingeführt, von denen wir ja schon mal gehört hatten – wie hier diese ‚Konferenzspinne‘ (nimmt lachend das Gerät in die Hand): Damit haben wir unsere Krisensitzungen bestritten. Denn hier in den Raum passen mit Abständen genau fünf Leute rein, der Rest hing da an der Wand (gemeint ist die Leinwand, auf die zugeschaltete Teilnehmer projiziert werden). Sicher wird da auch in Zukunft einiges anders gehandhabt als früher.“

LÜNEPOST: Aber es mussten auch Dienstleistungen zurückgefahren werden …
Böther: „Ja, natürlich. Ein Beispiel ist die Zulassungsstelle. Wir haben ja teilweise über 100 Leute beschäftigt mit dem Corona-Thema. Wir mussten die Nachverfolgung der Infektionsketten organisieren und Schadenersatzansprüche bearbeiten, die durch Quarantänestellungen entstanden. Dazu die Beschaffung von Masken und die Besetzung des Bürgertelefons. Auch musste sehr viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden. Das hat bei uns sehr gut funktioniert. Es haben uns sogar Nachbarkreise gefragt, ob sie unsere Homepage kopieren dürfen. Aber natürlich sind Dinge liegengeblieben und Überstunden aufgelaufen. Das eine oder andere schieben wir noch als Bugwelle vor uns her.“

LÜNEPOST: Gibt es schon Schätzungen, was Corona den Landkreis bisher gekostet hat?
Böther: „Wir haben zusätzliche Personalkosten in einer hohen sechsstelligen Summe, und wir haben für Materialkosten einen Sondertopf für spezielle Ausgaben in Höhe von einer Million Euro eingerichtet, der noch nicht ganz ausgenutzt ist. Dazu kommen die Förderprogramme, die wir aufgelegt haben. Das ist die Ausgabenseite.
Letztendlich werden wir natürlich damit zu kämpfen haben, dass die Steuer­einnahmen arg zurückgehen. Das heißt, uns brechen die Einnahmen weg für die Aufgaben, die wir haben. Wir schätzen, dass wir 2020 noch mit einem blauen Auge davonkommen. Aber 2021 wird für die Gemeinden und den Landkreis eine große Herausforderung, weil viele Maßnahmen, die es dieses Jahr gibt, dann nicht mehr greifen.“

LÜNEPOST: Die kostenlose Testung von Reiserückkehrern scheint im Landkreis nicht ideal organisiert zu sein. Es ist eine Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN). Können Sie als Landrat da einwirken?
Böther: „Ich habe gerade mit der KVN gesprochen. Sie haben dargelegt, das Testzentrum in Rosche im Kreis Uelzen sei gewählt worden, weil dort schon alles organisiert gewesen sei. Und mir wurde versichert, dass die zuständigen Arztpraxen kommende Woche wieder aus dem Urlaub zurück seien. Ich habe trotzdem deutlich gemacht, dass ich den Standort nicht für sehr glücklich halte in diesem Einzugsbereich, wenn man erreichen möchte, dass sich möglichst viele nach ihrer Reise testen lassen.“

LÜNEPOST: Wenn wir schon das Thema Reise haben: Wohin zieht es Sie und Ihre Familie in diesem Corona-Sommerurlaub?
Böther: „Ich fahre mit meiner Frau zwei Wochen nach Usedom. Die Ferienwohnung hatten wir schon vor Corona gebucht, also ein glücklicher Umstand … Und dann fahre ich mit meinem Sohn noch ein paar Tage Rad. Alles an der frischen Luft, also sehr Corona-tauglich.“

LÜNEPOST: Herr Böther, vielen Dank für das Gespräch – und einen schönen Sommerurlaub!