Lüneburg. Schreck für Spaziergänger und Radfahrer bei Häcklingen: Auf einem Feldweg im Lüneburger Ortsteil entdeckten sie in der vorigen Woche ein totes Pferd, der Kadaver war abgedeckt mit einer grauen Decke. Vom späten Nachmittag bis zum nächsten Morgen lag das Tier dort, bis es schließlich ein Abdecker mit einem Kranwagen abtransportierte. „Darf ein totes Pferd so lange draußen liegen?“, fragen sich die Spaziergänger.
„Ja“, heißt es vom zuständigen Veterinäramt in Lüneburg. Begründung: „Wenn das Pferd innerhalb von kurzer Zeit eingeschläfert werden musste und der Abdecker nicht sofort kommen kann, darf es auch schon mal ein bis zwei Tage liegen bleiben, möglichst abgedeckt.“ Laut Niedersächsischer Tierseuchenkasse sitzt der für den Kreis zuständige Abdecker in Rotenburg/Wümme.

Bei dem toten Tier handelt es sich nach LP-Recherchen um eine betagte Stute. Sie wurde 32 Jahre alt – ein gesegnetes Alter für ein Pferd. „Mein Pferd war sehr alt, hochgradig abgemagert und hat gelahmt“, erzählt die Besitzerin (Name der Redaktion bekannt). Sie hat es daher von einer Tierärztin einschläfern lassen. Die Frau versichert: „Es war ganz sicher keine spontane Kurzschlusshandlung. Ich habe mich mit drei Tierarztpraxen und dem Veterinäramt abgestimmt und mich für einen würdevollen Abschied entschieden, bevor das Tier irgendwann leidet und sich quält.“  Wer sein Pferd einschläfern lässt, kann das auch gar nicht ohne Weiteres entscheiden: „Für das Einschläfern eines Pferdes müssen sehr vernünftige Gründe vorliegen, das geht nicht einfach so“, stellt der der Salzhäuser Tierarzt Dr. Gerd-Olaf Neuberg klar.

Auf der Weide in Häcklingen stand die Stute mit zwei weiteren hochbetagten Pferden. „Uns wundert das alles sehr, denn das Tier war nur wenige Stunden vorher über die Weide gelaufen“, sagt eine der Besitzerinnen, Nina Grünitz. „Unsere drei waren quasi wie ein Seniorenheim.“ Dass das Tier eingeschläfert werden musste, hat sie und die andere Halterin geschockt. „Wir wussten nichts davon, sind völlig überrascht. Auch unsere Pferde sind jetzt in heller Aufregung, weil ein Gruppentier fehlt.“ Im beschriebenen Fall hatte die Besitzerin des eingeschläferten Pferdes gute Gründe, sich von ihrem Tier zu trennen.

Doch Fakt ist: Die Haltung von Pferden ist kostspielig. Und das kann für manche Besitzer bald zu Problemen führen. Denn neben gestiegener Energie- und Lebensmittelkosten sind auch die Preise für Futter, Unterbringung und Tierarzt immer höher. „Für einen kleinen Heuballen muss man fast zwei Euro mehr bezahlen“, nennt Nina Grünitz ein Beispiel. Die Entwicklung beschäftigt auch Petra Teegen von der Pferdeklappe in Norderbrarup (Schleswig-Holstein) – der einzigen ihrer Art in ganz Deutschland. Sie nimmt Pferde auf, deren Besitzer sie aus finanziellen Grünen nicht mehr halten können. Die Klappe vermittelt die Tiere dann weiter. „Die Situation ist derzeit katastrophal! Wir müssen immer mehr Pferde aufnehmen und vermitteln, in diesem Jahr sind es schon 22 mehr als im ganzen vergangenen Jahr“, berichtet Petra Teegen. Sie nennt ein Beispiel: „Da ist der Hotelier, der früher gut verdiente. Durch Corona und den Lockdown ist er in eine Schieflage geraten, aus der er durch Energiekrise und Inflation wohl so schnell nicht herauskommt. Er kann sich sein Pferd nicht mehr leisten.“ Seine Geschichte sei kein Einzelfall.

In Reppenstedt betreibt Tanja Franke mit ihrer Tochter Dana privat eine Isländer-Nothilfe. Sie nehmen in Notfällen Isländer und Shetland-Ponys auf. 16 Tiere werden aktuell von Mutter und Tochter mit ehrenamtlichen Helfern liebevoll betreut und behandelt. „Bei uns ist die Situation noch ruhig“, sagt Tanja Franke. „Doch wir wissen nicht, was demnächst auf uns zukommen wird. Viele geben jetzt schon das letzte Geld für ihr Pferd.“
Dass sich Besitzer ihre Tiere nicht mehr lange leisten können, befürchtet auch Petra Teegen von der Pferdeklappe. „Das dicke Ende kommt noch, wenn im Oktober die Tierarztkosten steigen.“ Denn nachdem eine Anpassung der Gebührenordnung der Tierärzte beschlossen wurde, wird der Besuch in der Praxis für alle Tiere teurer.
Was kommt da auf Pferdebesitzer zu? Eine allgemeine Untersuchung mit Beratung kostet dann mindestens 30,78 Euro – vorher waren es beim einfachen Satz 19,24 Euro. Heißt: Die Untersuchung wird fast 60 Prozent teurer. Auch die Preise für Impfungen ziehen deutlich an: Für eine Injektion waren früher mindestens 5,77 Euro fällig, jetzt ist es mit 11,50 Euro fast doppelt so teuer. Nur in einem Fall sinkt der Preis: Muss ein Tierarzt ein Pferd einschläfern, berechnet er nach neuer Gebührenordnung mindestens 73,90 Euro – bislang waren es 92,37 Euro. „Das ist das völlig falsche Zeichen“, findet Pferdefreundin Nina Grünitz.