Lüneburg. Er zeigte Zivilcourage und half einer Seniorin in einer gefährlichen Situation. Am Ende war der Lüneburger Karl Siergiej jedoch selbst das Opfer. Unbekannte nutzten den mutigen Einsatz des 40-Jährigen schamlos aus und stahlen seine Tasche, während er einen Räuber verfolgte.

Es geschah am Mittwochnachmittag um kurz vor 15 Uhr. Nach einem Bummel in der Lüneburger Innenstadt wartete Karl Siergiej Am Sande auf den Bus. „Ich hatte meine Fahrradtasche bei mir. Darin war Werkzeug, weil ich zuvor bei einer Bekannten etwas repariert hatte“, erinnert sich der Lüneburger. Weil die Tasche schwer war, stellte Siergiej sie auf einer Bank ab. „Plötzlich hörte ich einen Hilfeschrei“, erzählt der 40-Jährige, „und aus dem Augenwinkel sah ich, dass eine alte Dame überfallen wurde.“

Ein Räuber hatte an der Ecke Am Sande/Am Berge nach der Handtasche der 81 Jahre alten Seniorin gegriffen und wollte sie ihr entreißen. Die rüstige Rentnerin ließ jedoch zunächst nicht los und ging bei dem Gerangel zu Boden. Nun hatte der Täter leichtes Spiel: Er schnappte sich die Beute und stieg auf sein Fahrrad. „Ich bin sofort losgeflitzt“, erzählt Karl Siergiej, „und habe den Mann vom Rad getreten, sonst wäre er weg gewesen.“ Der Räuber, der laut Siergiej mit einer Maske und einer Mütze nahezu zur Unkenntlichkeit bekleidet war, gab nicht auf und lief mit der Tasche in Richtung Glockenhof. „Ich bin hinterher und auch andere Passanten wollten helfen“, berichtet der couragierte Lüneburger, „ein Mann hielt den Täter fest. Als der uns aber gedroht hat, haben wir ihn lieber laufen lassen, damit uns nichts passiert.“

„Das war absolut richtig“, bestärkt ihn Antje Freudenberg, Sprecherin der Polizei, „dennoch war der beherzte Einsatz für uns eine Hilfe.“ Denn: Der Räuber war zwar verschwunden, allerdings ohne Beute. Eine weitere Passantin hatte sie dem Unbekannten abgenommen, bevor er verschwand.

Die schockierte 81-Jährige war heilfroh, als sie ihre Handtasche zurückbekam und feststellte, dass nichts fehlte. Im Gegensatz zur Tasche von Karl Siergiej: „Ich weiß noch, wie ich der Dame sagte, sie solle kurz warten, ich sei gleich zurück, müsste nur kurz meine Tasche einsammeln. Doch als ich an der Bank ankam, war sie weg!“
Frustrierend für den 40-Jährigen: Niemand hatte etwas beobachtet. „Ich habe sogar bei der KVG angerufen, ob einer der Busfahrer meine herrenlose Tasche in seine Obhut genommen hat. Aber auch dort wusste man von nichts.“ Besonders bitter: „Ich habe momentan viel Pech. Erst vorige Woche ist mein teures E-Bike gestohlen worden. Ich hatte es in der Dahlenburger Landstraße abgestellt und mit zwei Schlössern – einem zwischen den Speichen und einem Kettenschloss – gesichert. Trotzdem war es später weg!“

Auch der zweite Diebstahl geht für Karl Siergiej in die Hunderte: In der Tasche hatte er Werkzeug, unter anderem einen hochwertigen Akkubohrer, dabei. „Die Versicherung will natürlich nicht zahlen. Die stuft es als Leichtsinn ein, dass ich die Tasche unbeaufsichtigt zurückgelassen habe …“, ist er ratlos. Dennoch lässt er sich nicht unterkriegen: „Ich würde jederzeit wieder so handeln und Menschen in Not helfen!“ Und noch etwas freut den Familienvater: Im Rahmen der sofort eingeleiteten Fahndung konnte die Polizei in der Nähe der Obdachlosenunterkunft Beim Benedikt einen Verdächtigen festnehmen.

Die Ermittlungen laufen, die Polizei hofft auf weitere Beobachtungen von Zeugen und nimmt Hinweise entgegen:  (04131) 83 06 22 15.