Landkreis. Wenn das Teststäbchen positiv leuchtet, ist das für viele Paare das höchste Glück der Welt: Ein Baby wird kommen! Es folgen Einkaufslisten mit Dingen, die die werdende Mutter und das Baby benötigen. Paare planen ihre Arbeitsteilung. Doch der Tipp, den eine Hebamme kürzlich äußerte, holt die werdenden Paare schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: „Am besten, Sie lassen alles stehen und liegen und suchen sich eine Hebamme für die Nachversorgung. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Sie und Ihr Baby rund um die Geburt und die Zeit danach unbetreut bleiben. “ Wie kann das sein? Eine Schwangerschaft dauert in der Regel neun Monate. Reicht die Zeit dafür nicht aus?
„Dass es schwierig ist, eine Hebamme zu finden, ist leider nicht neu“, sagt Lena Starke, Kreisvorsitzende in Lüneburg für den Hebammenverband Niedersachsen, die seit 20 Jahren in ihrem Beruf arbeitet. „Seit vielen Jahren kämpfen wir dafür, dass sich die Situation für Hebammen bessert – sowohl bei denen, die im Krankenhaus angestellt sind als auch bei den freiberuflich Tätigen.“

Bei den klinischen Hebammen seien vor allem die Arbeitsbedingungen eine enorme Belastung: „In den Kliniken stimmt aus wirtschaftlichen Gründen der Stellenschlüssel nicht. Es gibt zu wenig Hebammen. Gleichzeitig nimmt die Fülle der Aufgaben für die Kolleginnen immer weiter zu“, sagt Lena Starke und nennt Beispiele: „Hebammen betreuen im Kreißsaal bis zu vier Frauen gleichzeitig. Das sind doppelt so viele wie in anderen europäischen Ländern. Hinzu kommen ambulante Routinekontrollen wie die Herzton-Überwachung des Kindes oder Blutentnahmen, die neben laufenden Geburten die Kapazitäten binden. Hier ist eine Trennung und somit Schaffung von Stellen für alle notwendigen Bereiche notwendig“, fordert die Kreisvorsitzende, „nur so können wir sichere Geburtshilfe bieten und den Frauen in der Schwangerschaft gerecht werden.“
Viele Kolleginnen würden deswegen nicht mehr im Krankenhaus arbeiten wollen, einige gar nicht mehr als Hebamme. „Hinzu kommt die besondere Situation der Hierarchien“, sagt Lena Starke. Hebammen seien eigentlich eigenständige und selbstständig agierende Frauen, das bringe der Beruf von jeher mit sich. Jedoch: „Diese Eigenständigkeit geht durch die hierarchischen Strukturen in den Kliniken verloren. Das ist in Deutschland ziemlich speziell, das gibt es in anderen Ländern nicht.“

Natürlich gewährleisteten die Hebammen nach wie vor die Sicherheit von Mutter und Baby. „Doch die Qualität der Betreuung ist nicht die, die wir uns wünschen.“ Eltern sollten die Gewissheit haben, die beste Versorgung zu bekommen, „schließlich geht es um die Gesundheit von Mutter und Kind.“ Auch freiberufliche Hebammen stünden jeden Tag vor Herausforderungen: „Da geht es vor allem um die Bezahlung, etwa bei den Kursen, aber auch bei der persönlichen Begleitung.“ In Vollzeit sei der Beruf vielleicht etwas lukrativer. Viele Hebammen seien aber selbst Mütter und könnten nur in Teilzeit arbeiten. „Es ist immer noch überwiegend ein Beruf für Frauen, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen müssen.“ Gleichzeitig müssten Hebammen für ihre Haftpflichtversicherung tief in die Tasche greifen. „Letztendlich geht es uns aber auch darum, eine gute Gesundheitsversorgung für werdende Eltern sicherzustellen.“

Seit dem 1. Januar 2020 ist Hebamme kein Ausbildungsberuf mehr. Wer Hebamme werden möchte, muss ein Studium absolvieren. Dadurch wird auch die Bezahlung anschließend höher ausfallen. Doch Lena Starke fordert dabei Gerechtigkeit: „Ein gutes Miteinander und eine angemessene Bezahlung beider „Hebammengenerationen“. Die Vorsitzende der Lüneburger Hebammen hofft, dass sich die Situation für ihre Kolleginnen bessert. Denn der Beruf sei wunderbar: „Einen kleinen Menschen beim Start in das neue Leben zu unterstützen, das ist einfach großartig!“