Lüneburg. Das Ende einer Ära: An diesem Mittwoch, 13. Oktober, beginnt für Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge im Gesellschaftshaus des Psychiatrischen Klinikums die allerletzte Stadtratssitzung mit ihm als Verwaltungschef. Denn zum 31. Oktober gibt der 71-Jährige bekanntlich sein Amt ab – nach 30 Jahren an der Spitze. Zum 1. November übernimmt mit Claudia Kalisch (Grüne) erstmals eine Oberbürgermeisterin.

Bevor SPD-Urgestein Mädge und die Mitglieder des scheidenden Rates heute ab 16 Uhr über Themen wie eine Finanzspritze zur „Weihnachtsstadt Lüneburg“ oder die Rettung der kriselnden Innenstadt sprechen, traf ihn die Lünepost zum großen Abschiedsinterview. „Sie sind die einzige Lokalzeitung, die ich noch lese“, lobte ein gutgelaunter OB die Arbeit der LP-Redaktion in den vielen gemeinsamen Jahren. Eineinhalb Stunden lang blickte Mädge zurück auf erste offizielle Termine und auf Meilensteine seiner Amtszeit. Er verriet, was sich in der Ratsarbeit in all den Jahren geändert hat und was er im Ruhestand plant. Er ließ in Sachen LSK-Stadion eine kleine Bombe platzen – und gab seiner Nachfolgerin ein paar Tipps mit auf den Weg.

Mädges letzter Rat, sein Rückblick auf 30 Jahre Oberbürgermeister in Lüneburg sowie sein Blick in die Zukunft lesen Sie im Interview.

Lünepost: Herr Mädge, erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Tage im Rathaus und an Ihre ersten Amtshandlungen, damals 1991?
Ulrich Mädge: „Natürlich. Wir haben mit Rot-Grün eine Stimme Mehrheit im Rat gehabt – und diese Mehrheit hat auch gehalten bis 1996. Es war eine Aufbruchstimmung damals, parallel ist Gerhard Schröder Ministerpräsident geworden, Wolfgang Schurreit und Uwe Inselmann sind in den Landtag gekommen.
Meine erste Amtshandlung war am Abend des Tages, an dem ich gewählt wurde, die Eröffnung eines Kunsthandwerkermarktes im Glockenhaus. Und ich glaube, am nächsten Tag stand dann eine Kaninchenzuchtausstellung an – ein Klassiker.“ (lacht)

Lünepost: Was waren denn rückblickend die prägendsten Ereignisse, die Meilensteine?
Mädge: „Nach der Wende war eine Aufbruchphase. Oberstadtdirektor Rainer Faulhaber, Jens Schreiber von der CDU und ich haben gespürt: Jetzt müssen wir handeln. Als erstes haben wir die Uni in die Kaserne gebracht, weil uns klar war: Soldaten gehen und wir brauchen mehr Frische in der Stadt.
Danach war unser Ziel, mehr aus der Innenstadt zu machen. Wir hatten Autos am Sande, am Markt und dazu das Ensemble mit 1300 Baudenkmälern. Also haben wir die Autos aus der Innenstadt geholt und die Straßen neu gestaltet. Erst danach haben sich Straßen wie die Schröderstraße zu Erlebnisstraßen entwickelt.
Dazu war uns klar: Weitere Arbeitsplätze im dreistelligen Bereich sind erstmal nicht mehr in Lüneburg zu schaffen, die sind in Hamburg. Wir wollten unsere Leute nach Hamburg bringen. So ist die Anbindung an den Metronom damals entstanden.“

Lünepost: Ihr Erfolg war ja auch, die Roten Rosen in die Stadt zu holen.
Mädge: „Ich glaube ich bin jemand, der Chancen erkennt. Als ich hörte, das wird uns 50.000 Euro für die Infrastruktur kosten, hab ich gesagt: Wo ist das Problem? Manche haben uns belächelt – aber das Gespür war gleich da, dass es mit den Roten Rosen etwas wird. Auch Bernd Althusmann als Mitglied des Landtags hat uns unterstützt.”

Lünepost: Man muss als Stadtoberhaupt also auch immer gleich wirtschaftlich denken?
Mädge: „Man muss immer das Risiko betrachten und sehen: Wer kann so etwas machen? Die Arena zum Beispiel, die hätte ich nie selber gemacht – da hätte ich lieber die Lüwobau überzeugt, das zu machen, wenn man PPP nicht will.“

Lünepost: Worauf sind Sie denn richtig stolz?
Mädge: „Stolz bin ich rückblickend darauf, dass das Audimax fertig gebaut wurde. Und kulturell, dass wir eine neue Musikschule gebaut haben und die Kulturbäckerei. Weil es gegen viele Widerstände durchgesetzt wurde.”

Lünepost: Eine Baustelle ist aber nach wie vor offen: das LSK-Stadion. Gibt es da zum Ende Ihrer Amtszeit noch Neues zu vermelden?
Mädge: „Es gibt ein Flächenangebot am Bilmer Berg auf Lüneburger Stadtgebiet. Aber da liegt noch eine Fläche dazwischen, die muss für die Zufahrt noch überplant werden. Man könnte zwar auch über Wendisch Evern und Gut Willerding eine Zufahrt bauen, aber das ist politisch wohl eher nicht mehr umsetzbar …
Das alles wird sicher noch drei Jahre dauern. Und dann gibt es da auch noch Kaufpreisvorstellungen, die sicherlich nicht jedermann zahlen wird.“

Lünepost: Man hört, es soll auch Interessenten für Industrieflächen an der Stelle geben. Genannt werden namhafte Unternehmen aus der Stadt …
Mädge: „Als Stadt müssen wir uns fragen: Wollen wir diese großen Flächen für diese Logistiker oder wollen wir etwas anderes? Da hat es erste Gespräche gegeben. Aber zuerst ist ja mal die Preisvorstellung des Eigentümers zu klären. Wir als Stadt können nicht kaufen!
Und wenn Sie dann die neue Mehrheit im Rat hören, soll ja erstmal ein Stadtentwicklungskonzept her. Das dauert nochmal zwei bis drei Jahre, bevor ein B-Plan kommt.
Unser Finanzierungsanteil von 1,5 Millionen Euro für ein Stadion steht nach wie vor im Haushalt.”

Lünepost: In der jüngsten Vergangenheit haben Sie öfter polarisiert, z. B. in den Diskussionen zur Bauwagensiedlung oder zum Flugplatz. Denken Sie im Nachhinein manchmal: Da hätte ich anders reagieren müssen?
Mädge: „Nein. Beim Flugplatz hatte ich einen Ratsbeschluss, den ich umzusetzen hatte. Das ist leider heute Politik, dass erst drei Fraktionen per Mehrheitsbeschluss sagen: Wir wollen das. Und hinterher gehen große Teile der Grünen und der CDU ‚in die Büsche‘. Aber vorne, da stand weiter ich.
Zu den Bauwagen: Wir haben die Siedlung bei Wienebüttel rechtlich sauber ausgerichtet. Das funktioniert. Aber am Waldfriedhof, da funktioniert es baurechtlich halt nicht. Ich habe nichts gegen Bauwagen. Es kann jeder wohnen, wie er will, auch im Zelt. Aber ich muss alle rechtlich gleichbehandeln. Das ist die Basis einer Demokratie. Das Verwaltungsgericht hat uns bestätigt.”

Lünepost: In den vergangenen 30 Jahren hat sich auch gesellschaftlich einiges geändert. Thematisiert wurde in letzter Zeit häufiger die Debattenkultur im Stadtrat. Wie stehen Sie dazu?
Mädge: „Das ist Zeitgeist. Wir haben uns früher auch oft gestritten. Aber da wurde nicht auf Trump’sche Art alles über die neuen Medien gespielt. 2016 ist im Rat eine Gruppe angetreten, um mich aus dem Amt zu jagen. Inhaltlich sind sie nach zwei Jahren gescheitert, personell auch, übrig geblieben ist die Enttäuschung.
Beispiel Wohnungsbau: 2016 stand oben auf der Agenda der Wohnungsbau, alle Fraktionen waren dafür. Doch bei der Umsetzung der konkreten Beschlüsse gab es fast immer eine Blockade von Grünen und Linken. Es war zuletzt ein Kampf im Rat. Dabei brauchen wir Schulen, Kitas und ganz besonders Wohnungen. Bei der Lüwobau stehen 2000 Leute auf der Warteliste.“

Lünepost: Konnte man früher klarer sagen: So wird’s gemacht und so nicht?
Mädge: „Nein. Damals haben wir die Kompromisse in den Fachausschüssen gefunden. Es hat jetzt eher etwas mit den handelnden Personen zu tun. Da hat sich etwas verändert. Heute werden politische Spiegel­gefechte im Rat geführt.”

Lünepost: Ist Ihr Führungsstil aus der Mode gekommen?
Mädge: Klar wird man manchmal härter im Ton, aber ich habe immer Kompromisse gesucht. Schauen Sie sich die Diskussionen um den Kita-Neubau in Hagen an: Da wird Lärm angeführt, Verkehr, Verschattung – doch in Wirklichkeit will man die Kinder aus Kaltenmoor dort nicht haben, so sehe ich das.
Und dann diese ganzen Wahlversprechen. Das hat gehärtet!
Früher hatte man bei den Grünen Andreas Meihsies. Man mag von ihm denken, wie man will. Aber wir saßen zusammen mit ihm, mit Ulrich Löb und Ulrich Blanck und haben Kompromisse gefunden. Man konnte miteinander reden. Das fehlte im letzten Rat.”

Lünepost: Wird sich das wieder ändern?
Mädge: „Ich glaube nicht. Wer geht denn noch in den Rat? Das ist doch nicht mehr das Spiegelbild der Lüneburger Gesellschaft? Wo ist denn das Handwerk? Wo ist die Wirtschaft? Wo sind die Sozialverbände, der Sportbereich?

Lünepost: Würden Sie das Amt des OB unter diesen ganzen Voraussetzungen nochmal antreten?
Mädge: „Wenn ich wieder um die 40 wäre, natürlich! Das war und bleibt mein Traumberuf.”

Lünepost: Und was würden Sie anders machen?
Mädge: „Das kann man so pauschal nicht sagen. Aber allem Wohl und keinem Weh – das wird nicht gehen.”
Lünepost: Sie haben ja auch immer mal wieder auf landes- und bundespolitischer Ebene Kritik geübt und Missstände angesprochen. Ist es Ihnen schwer gefallen, unbequem zu sein?
Mädge: „Nein. Als Städtetagspräsident vertrete ich seit 20 Jahren die Interessen der Städte. Natürlich ringt man da immer mit Land und Bund. Aber auch da haben sich die Personen und Bedingungen geändert.
Ein Beispiel: Vier Monate dauert es, um in der Coronazeit eine Richtlinie für die Beschaffung von Lüftungs­geräten zu beschließen. Vier Monate! Dabei hatte der Ministerpräsident gesagt: In drei Tagen habt ihr sie … Jetzt haben wir erstmal bestellt. Am Anfang einer Krise heißt es immer: ‚Schnell, schnell, Geld spielt keine Rolle!‘ Und dann kommt mit der Zeit die Bürokratie.”

Lünepost-Chef Jan Beckmann (l.) mit Lüneburgs Langzeit-Oberbürgermeister Ulrich Mädge.

Lünepost: Stichwort Krise: Wie steht es denn mit der Wiederbelebung der Innenstadt nach Corona?
Mädge: „Die Schockstarre ist weg. Makler und Immobilienbesitzer bekommen wieder Angebote. Es gibt junge Leute, die es wagen zu gründen. Jetzt ist es eher so, dass wir sagen müssen: Halt, wir brauchen nicht noch fünf Barbershops und drei Kioske.
Wir haben in der Innenstadt zum Glück nicht die großen Immobilienhaie. Wir haben aber Leute, bei denen hängt die Altersvorsorge an ihrer Immobilie. Mit den Maklern kann man größtenteils reden.
Aber: Wir sind erschrocken, wenn wir sehen, in welchem Zustand die Ladenlokale teilweise sind. Da ist teils wenig investiert worden. Um interessierte Einzelhändler zu bekommen, geben wir denen dann 10.000 Euro an die Hand. Wir wollen die Vielfalt ja erhalten.”

Lünepost: Bei all den Baustellen für Lüneburg: Was würden Sie Ihrer Nachfolgerin Claudia Kalisch auf den Weg geben?
Mädge: „Ganz klar: Eine Baustelle ist Digitalisierung, beim Glasfaser müssen wir nacharbeiten. Das Zweite ist das Thema Innenstadt 2030 und das Dritte immer noch der soziale Wohnungsbau. Vor allem bei den Wohnungen kann man nicht warten.“

Lünepost: Wie geht so eine Amtsübergabe denn überhaupt vonstatten?
Mädge: „Das ist überhaupt nicht schwierig. Ich habe vier gute Dezernentinnen und Dezernenten. Da findet das Operative statt. Wir haben uns seit Januar auf diese Übergabe vorbereitet. Frau Kalisch wird mit den Dezernenten und Geschäftsführern der städtischen Gesellschaften reden – von mir bekommt sie nur drei Schlüssel.”

Lünepost: Sie sagten mal, Ihr Tag habe 16 Arbeitsstunden. Ab November geht es quasi auf Null. Das wird eine Umstellung.
Mädge (schmunzelt): „Da sind meine Frau und ich auch sehr gespannt. Ich habe ja noch ein paar Tätigkeiten in Stiftungen, Städtetag, Arbeitgeberverband. Ein Hobby mit dem Pilgern ebenfalls. Das werde ich mit Freunden forcieren.
Und: Meine Frau und ich wollen uns einen zweiten Wohnsitz drüben im Amt Neuhaus nehmen, um zur Ruhe zu kommen. Wir sind im kommenden Jahr 50 Jahre verheiratet – 40 davon war ich in der Politik.”

Lünepost: Also bleiben Sie Lüneburger?
Mädge: „Ich bin gerne in Kaltenmoor. Aber wer weiß …”

Lünepost: Vielen Dank für das Interview, Herr Mädge. Nun fehlt eigentlich nur noch Ihr Fazit nach 30 Jahren als OB:
Mädge: „Es hat sich gelohnt, für diese Stadt zu arbeiten. ”

Das Gespräch führten
Meike Richter und Jan Beckmann